-SEHENSWERT

Augarten
("Alte Favorita in der Wolfsau")
2, Obere Augartenstraße 1

Das Bekannteste am Augarten ist, daß ihn Josef II. 1775 für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Danach beschwerten sich die adeligen Damen bei ihm, daß es nun in Wien bald keinen Platz mehr gäbe, wo die besseren Leute unter sich sein können. Darauf antwortete der Kaiser: "Wenn ich stets unter meinesgleichen sein wollte, müßte ich den ganzen Tag in der Kauzinergruft spazieren gehen."

Einst erstreckte sich hier (bis ins 18. Jh. hinein) an einem Donauarm ein weites, wildreiches Augebiet - die Dammbauten in der Oberen Augartenstraße sind heute noch zu erkennen -, in dem Kaiser Matthias 1614 ein Jagdschlößchen erbauen und 1649 mit einem holländischen Garten umrahmen ließ. Damals nannte man das Gebiet "Wolfsau", "Am Schüttel" oder "Am Tabor".

Leopold I. legte den ersten barocken Lustgarten an und vergrößtere den Besitz, der jedoch 1683 durch die Türken völlig verwüstet und zerstört wurde. 1677 wurde das Grundstück vergrößert und eine vierreihige Allee in der Linie der htg. Oberen Augartenstraße angelegt, die dem höfischen Zeremoniell des Kutschenfahrens entsprach. (Womit sich die Menschen die Zeit vertrieben haben, als es noch keinen PC gab!) Später wurde in der Prater Hauptalle und auf der Ringstraße diese Unterhaltungsform verfeinert. Bis heute hat sich auch die Sichtachse aus dieser Zeit erhalten, die über den Augarten den Leopoldsberg mit der Leopoldskirche in der Leopoldstadt verbindet. Der Augarten wurde außerdem mit dem Prater durch eine gerade Allee verbunden, die heute Heinestraße heißt, und über den Praterstern bis zum Lusthaus führte (die htg. Hauptallee).

Auch Kaiser Ferdinand III. kümmerte sich noch um den Barockgarten, dann dürfte das Kaiserhaus das Ineresse am Augarten verloren haben. 1688 geht er in den Besitz von Zacharias Leeb über, der bis 1692 ein Gartenschloß errichtet, dessen Entwurf Johann Bernhard Fischer von Erlach zugeschrieben wird.

1705 wurde über dem nörlichen Seitenflügel ein Saalgebäude errichtet, wenige Jahre später über den Fundamenten des ehemaligen Süd-Traktes die sog. Inspektionsstöckeln (Stöckl = einfaches Haus), wodurch eine ehrenhofartige Anlage geschaffen wurde, deren westliche Seitenmauer von den Resten der ehemaligen Hauptfassade der Alten Favorita gebildet wird.

1712 ließ Karl VI. durch Jean Trehet den Park neu gestalten und ab 1714 verbrachte der Hof die Sommer wieder im Augarten. Doch bald entschloß man sich (vielleicht wegen der gefährlichen Donauüberschwemmungen oder der lästigen Gelsenplage), ihn wieder aufzugeben und verlegte die höfischen Aktivitäten in die "Neue Favorita" (htg. Theresianum) sowie nach Schönbrunn und in die Hofburg.

1736 erwarb Abt Robert Leeb von Heiligenkreuz das kleine Lustschloß samt dem Park und ließ es durch Franz Anton Pilgram bis 1737 umbauen.

1780 kaufte Joseph II. den Augarten wieder zurück, und das ehemalige Palais Leeb sowie die restlichen östlich des Schlosses gelegenen Gärten gleich dazu. Er fand wieder Gefallen an dem Areal, ließ den Garten renovieren, 400 Linden pflanzen, 200 Parkbänke aufstellen und er soll Hunderte Lerchen ausgesetzt haben lassen. Weiters beauftrage er 1780 Isidore Canevale, hinter dem Augartenpalais das sog. "Kaiser-Joseph-Stöckl" zu bauen und hielt sich gerne dort auf. Das asymmetrisch angelegte, aus mehreren kubischen Blöcken bestehende, betont schlichte Gartenhaus hat einen Mittelpavillion mit hohen, rundbogigen Türen zur Freitreppe. In dieser Zeit entstand auch das Salmstöckl, das 1945 zerstört wurde. Ganz im Sinne der Aufklärung entstand auch eien Bienenzuchtschule.

1775 machte er den Park der Öffentlichkeit zugänglich, woran das von Canevale gestaltete Eingangsportal mit der Inschrift "Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schaetzer" erinnert. (Dort ist auch eine Tafel zu finden, die an das große Hochwasser 1830 erinnert.) Joseph behielt sich aber einen Teil des Gartens zum eigenen Gebrauch, den er im Stil eines englischen Landschaftsgartens gestalten ließ.

Gartentrakt, in dem heute die Porzellanmanufaktur ihren Sitz hatGleich rechts nach der Eingangsanlage wurde auf der von den Türken zurückgelassenen Ruine ein Gartensaal erbaut, in dem dann die berühmten "Morgenkonzerte" stattfanden, wo ab 1782 Mozart und ab 1792 Beethoven Konzerte dirigierten. Hier wurden auch Bälle, Feste und Wettspiele veranstaltet. Damit wurde der Augarten im späten 18. Jh. zum Modetreffpunkt und gesellschaftlichen Mittelpunkt. 1820 - 1848 gab Johann Strauß Vater hier seine 1.-Mai-Konzerte. Seit 1923 hat in diesem Gebäude die Wiener Augarten-Porzellanmanufaktur ihren Sitz und ist bis heute erfolgreich tätig.

Augarten, 18701781 beehrte der russische Großfürst Paul den Augarten mit seinem Besuch. Im Jahr darauf hielt sich Papst Pius VI. in Wien auf und erteilte im Augarten dem Volk seinen Segen.

1870 wurde das Areal wegen der Errichtung des NW-Bahnhofes etwas verkleinert.

Im späten 19. Jh. ließ das Interesse am Augarten allgemein nach. Die Donauregulierung der Jahre 1871 - 1875 brachte große bauliche Veränderungen in unmittelbarer Nähe mit sich. 1899 erfolgte noch einmal ein rigoroser Umbau des Palais für Erzherzog Otto. Der Kernbau wurde weiter aufgestockt, die dreigeschossigen Seitenflügel mit den Eckpavillions wurden dazugebaut und die Innenräume umgestaltet. Im Park errichtete man im 20. Jh. einige Sportplätze und Forschungseinrichtungen, die bis heute große Teile des Areals füllen.

1940/43 wurden im Auftrag der Deutschen Nationalsozialisten nach dem Plänen von Friedrich Tamms die beiden fast 50 m hohen Flaktürme erbaut, um die nahegelegenen Bahnhofanlagen vor Fliegerangriffen zu schützen. Den Schotter, den man zu ihrer Errichtung benötigte, entnahm man einfach dem Hauptparterre. Die Stahlbetonbauten widerstanden bisher jedem Abrißversuch. Die Vegetationsbestände wurden damals schwer dezimiert. Neben dem abgesenkten Grundwasser aufgrund der Donauregulierung hatten die Pflanzen auch noch unter den Kriegseinwirkungen zu leiden. (Und von den vielen Lerchen ist heute auch nichts mehr zu bemerken.)

Seit 1948 ist im Augartenpalias das Internat der Wiener Sängerknaben untergebracht.

Obwohl die Gebäude 1973 - 1982 generalsaniert wurden, sind die Schäden an der Denkmalsubstanz kaum mehr einzuholen. In den letzten Jahren wurden zwei neue Eingangstore gebaut, der Haupteingang renoviert, die Porzellanmanufaktur und deren Vorplatz erneuert, ebenso das Grassalkovics-Schlössel, das sich genau gegenüber dem Haupteingang (Obere Augartenstraße 40) befindet.

Im Gegensatz zu den prächtigen Gärten im Belvedere und um das Schloß Schönbrunn wirkt der über 50 ha große Augarten schlicht und öde. Doch er ist kein Park der Touristen, sondern einer der Anrainer. Hier lassen sich türkische Familien mit ihrer Kinderschar zum Picknick im Gras nieder, hier suchen alteingesessene Pensionisten Ruhe beim Plauscherl oder beim Schachspiel. Die Konflikte bleiben nicht aus, denn der 2. Bezirk hat sowohl einen hohen Gastarbeiter- als auch einen hohen Pensionistenanteil - und jeder pocht auf sein Recht!

Augartenporzellan Wiener Sängerknaben
Wiener Sängerknaben
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