-SEHENSWERT

Der Gemeindebau

Wohnen bis 1918

"Im Wiener Gemeindebezirk Landstraße steht ein Zinshaus. Es heißt 'Zum Bienenstock' und hat 216 Mietparteien, insgesamt jedoch mehr als 1.000 Bewohner, davon 300 Schulkinder. Es hat, obgleich es seine Mieter auf vier Stockwerke verteilt, nur einen einzigen Wasserhahn, und als hygienische Einrichtung hat es eine eigene Totenkammer. Jeder Mieter hat nur eine Stube, die ca. 2,5 m breit, 5 m lang und 3 m hoch ist." So berichtet Max Winter 1904 in der Arbeiterzeitung.

Dieses Haus ist zu jener Zeit kein Einzelfall. Wer nicht reich war und sich ein Haus oder Palais bauen lassen konnte oder in der Vorstadt sein eigenes Häuschen besaß, mußte auf kleinstem Raum mit seiner Familie unter miesesten hygienischen Bedingungen leben. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch und auch unter den Erwachsenen tobten Krankheiten wie Pest, Ruhr und Cholera. Mieterschutz gab es nicht. Lediglich hohe Mieten. Verelendung und Ausbeutung waren an der Tagesordnung.


Gemeindebauten 1918 - 1934

Nach dem Ersten Weltkrieg beschloß am 21. September 1923 der Wiener Gemeinderat, in den Jahren 1924 - 1928 25.000 neue Wohnungen zu errichten. Ende 1927 war das Programm vorzeitig erfüllt. Im selben Jahr wurde auf 30.000 Wohnungen aufgestockt und für die Periode 1929 - 1933 wurden weitere 30.000 Wohnungen in Angriff genommen. Somit errichtete die Stadtverwaltung des Roten Wiens einschließlich den nach dem Februar 1934 fertiggestellten Bauten in der Zwischenkriegszeit rund 64.000 Wohnungen, in denen ca. 220.000 Menschen ein neues, bessers zu Hause fanden.

Die Gebäude hatten oft Festungscharakter. Böse Zungen behaupteten, daß ihre Standorte, meist am Stadtrand, so gewählt wären, daß strategisch wichtige Einfahrtsstraßen und Brücken von diesen Bauten unter Beschuß genommen werden könnten. Sie sahen sogar ein zusammenhängendes Konzept, doch beweisbar waren und sind diese Behauptungen nicht.


Wohnhausanlage Engelsplatz
(Baubeginn 1930)

Wohnhausanlage Engelsplatz

Sigmund Freud-Hof (1924/25)

Karl Marx-Hof (Vorderansicht, Baubeginn 1927)

Karl Marx-Hof (Rückasicht)

Wildgans-Hof

Von außen wirkt der Gemeindebau dieser Epoche als weitgehend geschlossene Wand, auch das Erdgeschoß liegt sehr hoch, um den Einblick in die Räume zu verhindern. Da und dort wird die Mauer durch das Schaufenster eines kleinen Geschäfts unterbrochen, welches die Nahversorgung zur Aufgabe hat.

In den Hof selbst gelangt man durch ein oder mehrere große Tore, die durch monumentale Umrahmungen hervorgehoben werden, aber oft auch durch stachelig wirkende Eisengitter abwehrend gestaltet sind.


Wohnhausanlage Engelsplatz

Wohnhausanlage Engelsplatz

Karl Marx-Hof

Sigmund Freud-Hof (1924/25)

Natürliches Tageslicht soll ausreichen, um die Stiegenhäuser zu erhellen, über die man pro Stockwerk 2 - 4 Wohnungen erreicht. Fahrstühle wurden keine eingebaut. Die Anzahl der Etagen war auf fünf begrenzt, im Ausnahmefall durfte der Bau bis zu acht Stockwerken hoch sein.

Bis 1927 wurden ausschließlich Kleinstwohnungen gebaut, die aus Vorraum, WC, Küche und Zimmer bestanden. 75 % waren 38 m² groß, der Rest 45 - 48 m². Es gab weder Dusche noch Bad (der nachträgliche Einbau erwies sich oft als Krampflösung). Jede Wohnung hatte einen Gasherd und eine Einzelofenheizung. Oft gab es aber einen kleinen oder größeren Balkon mit Blick in den großen, grünen Hof. Die neue und langezeit beibehaltene Hofkonzeption sieht vor, daß die Zugänge zu den einzelnen Stiegen innen liegen.


Wohnhausanlage Engelsplatz

Friedrich Engels-Hof

Karl Marx-Hof

Sigmund Freud-Hof (1924/25)

Das Besondere am Gemeindebau-Konzept der Zwischenkriegszeit war der Hof, welcher bei den Mietskasernen meist so klein war, daß ein Aufenthalt oder Spielen nicht möglich war. Die ersten kleinen Gemeindehöfe übernahmen diesen Fehler noch, doch danach sollten sich die Kinder richtig austoben und spielen können. Ein Sinn, daß die Zugänge zu den Stiegenhäusern innen lagen, war, daß die Kinder nicht über eine Straße laufen mußten, um zusammenkommen zu können.
Heute ist es ruhig auf den Grünflächen. Nur selten sieht man Kinder oder einen Pensionisten auf einer der Bänke sitzen. Klar, denn ...

Was in den Wohnungen fehlte, wurde als Gemeinschaftseinrichtung angeboten: Wäscherei mit elektrischen Waschkesseln, Badeanlagen mit Wannen und Brausen, Kindergärten, Hobbyräume, Bibliothek, Zahnklinik, Mutterberatungsstelle, Parteilokale etc. Der Gemeindehof sollte von den Mietern selbst verwaltet und gemeinsam bewirtschaftet werden.

Im Gegensatz zu den herkömmlichen Mietsräumen erschien der Gemeindebau den Menschen als Paradies, noch dazu, wo auch die Mieten nicht hoch waren. Die Bewerber standen am Wohnungsamt Schlage und ihre Zahl war größer als jene der zu vergebenden Wohnungen. Also entschieden die Beamten nach einem Punktesystem: für Kriegsbeschädigung, Kündigung, Unbewohnbarkeit und Obdachlosigkeit gab es je 5 Punkte; in Wien geboren 4; mehr als 1 Jahr verheiratet, pro Kind über 14 Jahre, getrennter Haushalt, Untermieter, Bettgeher zählte je 2 Punkte; und östereichischer Staatsbürger, Schwangerschaft, Invalitität, Küchenmangel und Überbelag brachte immerhin noch je 1 Punkt ein.

Dieses Auslesesystem bewirkte, daß sich im Gemeindehof eine bestimmte Bevölkerungsschicht traf, deren zahlreiche Kinderschaft sich nun im verkehrsfreien Hof austobte. Man lebte im Hof, begegnete einander in den Gemeinschaftseinrichtungen und wandte sich - konzeptbedingt - von der Außenwelt ab. Die Bauform und die Auswahlkriterien der Mieter bewirkten das Resultat: ein Getto.


1945 - 1969

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah es in Wien anders aus als nach dem Ersten. So viele Leichen in den Straßen und so riesige Schuttberge hatte es damals nicht gegeben. Adolf Schärf beschreibt in "April 1945" die Situation um den 11. dieses Monats folgendermaßen:
"Am Tage nach dem Verlassen des Spitals ging ich nach Hietzing, um nach dem Befinden einer befreundeten Familie Ausschau zu halten, und nach Döbling. Überall auf den Straßen fand ich Tote und Pferdekadaver. In Parkanlagen, selbst in kleinen Vorgärten, sah man frisch aufgeworfene Gräber. Nach den Kampftagen lagen an die 12.000 Tote in den Straßen, die einfach in der nächsten Grünfläche beerdingt wurden. ... Einmal gab es markerschütternde Hilferufe einer Frauenstimme aus dem Dunkel der Parkanlage vor meinem Haus zu hören. Am nächsten Tag fand man eine ertränkte Frauenleiche im Löschteich; ein anderes Mal, zuerst laut, dann immer schwächer werdend, lang andauerndes Jammern in einer fremden Sprache, am Morgen fand man auf einer Bank der Parkanlage einen verbluteten Ausländer."

Neben all den menschlichen Tragödien gab es im Wien der Nachkriegstage 187.000 Wohnungen, die mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen waren, 87.000 davon waren total zerstört oder schwer beschädigt.
Der Baustoff für die neuen Gemeindebauten lag in den Straßen Wiens bereit: Unmengen an Schutt, aus dem man Ziegelbruchbeton erzeugte - heute würde man "Recycling" dazu sagen. Mit diesem Baustoff wurde der kommunale Wohnbau neuerlich aufgenommen und 1947 mit der "Per Albin Hansson-Siedlung (West)" begonnen.

Doch die Struktur der Gemeindebauten nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich rasch. Freie Gemeindegründe waren rar; die, die es gab, waren verpachtet und wurden dringend für die Anpflanzung von Gemüse verwendet. Die Architekten strichen den Hof sowie die Gemeinschaftseinrichtungen, später auch das spärliche Dekor, und ließen Türme in den Himmel wachsen. Das "Matzleinsdorfer Hochhaus" (5, Matzleinsdorfer Platz) war das erste Gemeindehochhaus Wiens.

Gemeinsame Bewirtschaftung und Selbstverwaltung waren im Konzept nicht mehr enthalten. Dafür fand sich nun in jeder Wohnung Bad und WC. Ab 1950 mußte Bad und Toilette sogar getrennt sein. Zuerst wurde noch mit dem Ziegelbruchbeton gearbeitet, später stieg man auf Fertigteil-Bauweise um.

Die 1. Generation der Fertigteilbauten präsentierte sich noch mit glatten Fassaden, während sich die 2. bereits an verschiedene Höhen und Längen, Abwinkelungen sowie Vor- und Rücksprünge wagte. Charakteristisch für diese Bauperiode sind einander in unregelmäßiger Folge abwechselnde Fensterlöcher und Loggiabänder. Die Grundrisse waren weniger klar, dafür lebendiger. Die 3. Generation besticht durch ausgefallene Grundrisse, schiefe Winkel, beliebige Fassaden-Abtreppungen und Terrassenkaskaden. Man wagte sich auch wieder über manchmal sehr komplizierte Details, die, wenn der Bau groß genug war, häufig eingesetzt wurden.


1970 - heute

Mit hohem Wohnkomfort, aber auch mit höheren Mieten, entstand, wild umstritten in den Medien, nicht nur wegen seinem futuristischen Design, 1973 der "Wohnpark Alt Erlaa" (23, Anton Baumgartner Str.), durch die Architekten Harry Glück, Kurt Hlawenicka, Franz Requat und Thomas Reintaller.

Bei den Großwohnanlagen dieser Zeit ("Bohmann-Hof", "Trabrenngründe", "Wohnen Morgen" u.a.) wenden sich die Architekten vom geradlinigen Turmbau ab und greifen auf die herkömmliche Hofform zurück. Sehr bewußt werden nun Infrastruktur, Geschäfte, Kindergärten, Schulen usw. in das Konzept miteinbezogen.

Die Medien waren jedoch gefüllt mit immer neuen Schauergeschichten über Kriminalität und Vandalismus in den neuen Satelliten-Siedlungen. Die Gründe waren schnell gefunden: Gemeindewohnungen werden nur an solche Personen bzw. Familien vergeben, deren Einkommen eine bestimmte Grenze nicht übersteigt. Zum Umzugsstreß kommen erhöhte finanzielle Belastungen, dazu wiederum familiäre Probleme mit pubertierenden Kindern, die sich in der neuen Umgebung bei den bereits ansäßigen Jugendlichen behaupten müssen. Der Teufelskreis schließt sich und endet in manchen Familien in der Auswegslosigkeit. Ein Magistratsbeamter hat festgestellt: Ab 100 Wohnungen in einem Gemeindebau häufen sich derartige Probleme.

Die Stadt Wien bestimmt die Flächenwidmung und die Bebauungsbestimmungen für Grundstücke, und zwar so, daß das Gebäude in die Gegend paßt. So sind auf Gemeindeboden am Stadtrand in Gebieten mit Einfamilienhäusern oder im Grünen interessante Projekte nach dem Konzept "verdichteter Flächenbau" entstanden.

1976 rief Bgm. Leopold Gratz ein "Siedlungsprogramm" ins Leben, damit dem Bedürfnis vieler Wiener Familien nach einem Häuschen im Grünen auch auf Wiener Boden nachgekommen werden und eine Abwanderung aus diesem Grund nach Niederösterreich nicht mehr notwendig ist. Da diese Zielsetzung aber nicht dem Sozialauftrag des Gemeindebaus entsprach, wurden zur Realisierung meist gemeinnützige Bauträger herangezogen.

Niemand würde sie als "Gemeindebauten" bezeichnen - und doch sind sie es: die 400 vor 1918 erbauten Althäuser, die sich im Eigentum der Stadt Wien befinden. Immerhin hat Wien unter allen Millionenstädten der Welt den höchsten Anteil an Wohnungen, die mehr als 70 Jahre alt sind. Viele dieser "alten Gemeindehäuser" wurden in den letzten Jahrzehnten instandgesetzt und (general)saniert.

Dort, wo die alten Häuser im Stadtbild "schrumpfen", die Höhe der gesamten Front eines Häuserblocks stark differiert, wird gerne aufgestockt. Auf das historische Hütterl werden gnadenlos einige Etagen draufgebaut, manchmal etwas zurückversetzt, um noch Licht in die unteren Stockwerke dringen zu lassen. So eine bauliche Maßnahme erkennt man leicht: Während an der alten Front architektonisches Dekor restauriert wurde, präsentiert sich die neue glatt und schmucklos.



Neue Varianten und Erkenntnisse im Gemeinde-Wohnbau

Beim "Josef Bohrmann-Hof" wurde erstmalig das Prinzip "gestalterischer Vielfalt in einer städtebaulichen Einheit" erprobt. Bei den bisherigen Großwohnanlagen waren an der Planung oft viele Architekten beteiligt. Hier konnte nach dem Gesamtplanungskonzept des Gewinners der Ausschreibung bzw. des Wettbewerbs als Leitfaden jeder weitere Preisträger anteilig einen Bauabschnitt nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten.

Eines der größten Probleme der Architekten und Bauleiter in Wien ist jedoch die Bewältigung der Bürokratie. Ca. 15 Magistratsabteilungen sind für einen Neubau zuständig. Neben Bauordnung, Bebauungsbestimmungen , Umweltauflagen, Fröderungsgesetzen und -verordnungen, gemeindeeigenen Planungseinrichtungen sowie den halbgeheimen internen Weisungen des Beamtenheeres sind auch noch die Auslegungsvarianten zu berücksichtigen, mit denen die einzelnen Referenten die vielen unklar formulierten Textstellen zu interpretieren versuchen. Daß Architekten unter diesen Bedingungen einen Baubeginn trotzdem schaffen, muß als erfolgreich durchstandener Leidensweg betrachtet werden.

Die Menschen im "Wohnpark Alt Erlaa" fühlten sich - trotz der hohen Mieten - aueßrgewöhnlich wohl, wobei das gar nicht geplant war, sondern der Intuition der Architekten zu verdanken war. Im Auftrag der Stadt Wien untersuchte ein 5er-Team das Phänomen und kam zu folgendem Schluß: Herkömmliche Wohnhausanlagen decken zwar einen großen Teil der menschlichen Grundbedürfnisse ab (zB Schutz, Intimität, Wärme, Besonnung, Licht, Hygiene), einige werden jedoch meist gar nicht beachtet: Natur-, Körper- und Wassererlebnis sowie Gemeinschaft. Die fehlenden Komponenten suchen die Menschen dann anderswo, zB in der Art der Freizeitgestaltung oder im Urlaub.

Wenn es jedoch, wie in Alt Erlaa, gelingt, das Bedürfnis nach einer Wiese im Wohnbereich, Kinderspielplatz, Garten bei der Wohnung, Sonnenterrasse, Bade- bzw. Schwimmgelegenheit in Form eines Teiches, Sees oder Swimming-Pools etc. in der Wohnung und der Wohnumgebung zu befriedigen, stellt sich bei den Bewohnern eine beinahe gänzliche Wohnzufriedenheit ein.


Die Experten schlugen vor, möglichst viele Wohnungen nach den Prinzipien des "Vollwertprogramms" zu errichten. Sie glaubten auch, daß sich das Konzept im Rahmen der bisherigen Baukosten und Mieten ralisieren ließe - was sich als großer Irrtum herausstellte.


Wohnen in der Kunst


Hundertwasserhaus (in Vorbereitung)
Fuchzigwasserhaus (in Vorbereitung)
Arik-Brauer-Haus (in Vorbereitung)