-SEHENSWERT

Der Graben

Blick Richtung Stadtmitte. Foto: TjakyOft ärgert sich der zügig über den Graben strebende Wiener über all die Touristen, die da einzeln oder gleich in ganzen Gruppen herumstehen und nach oben starren. Glücklicherweise guckt der Wiener nicht auch nach oben, sonst würden auf dem Graben ständig Menschen zusammenstoßen. Daraus ergibt sich, daß der Wiener die wunderschönen Hausfassaden am Graben niemals kennenlernt. Deshalb sind die hier gezeigten Foto-Impressionen ganz speziell den Wienern gewidmet.

Der Graben zählt zu den elegantesten (und teuersten) Einkaufsstraßen Wiens. An seiner Stelle befand sich einst ein breiter Graben, der die Römermauer schützte; 1200 wurde er planiert, als die Babenberger die Stadt erweiterten und sie mit einer weiter außen liegenden, zinnenbewehrten und durch mächtige Tortürme verstärkten Ringmauer umgaben.

Leopold I., knieend ... wenigstens ein Polsterl hat er bekommen ... Foto: TjakyIn der Mitte des Platzes steht unübersehbar die barocke Pestsäule. Derartige Dreifaltigkeitssäulen sind eine Besonderheit der Länder der ehemaligen Donaumonarchie und nur dort zu finden. Ein Jahrhundert vorher hätte man noch eine Mariensäule aufgestellt (aus Protest gegen die Protestanten, da diese die Marienverehrung ablehnten), so war nun in der Zeit der Türkenbelagerungen die Dreifaltigkeitssäule der sichtbare Zugehörigkeitsausdruck zum dreieinigen Gott des Monotheismus.

1679 hatte Kaiser Leopold I. während der großen Pestepidemie, die viele Menschen in Wien und Niederösterreich dahinraffte, die Errichtung einer Säule gelobt, die 1686 anstelle des hölzernen Provisoriums aufgestellt wurde. Er ist darauf auch verewigt: in einer ihm sonst nicht eigenen, demütigen Haltung. Johann Bernhard Fischer von Erlach entwarf das Grundkonzept, Ludovico Burnacini setzte es in eine Wolkenpyramide um, deren oberer Teil bis 1693 unter der Leitung von Paul Strudel ausgeführt wurde.

Engerl tötet Pest. Foto: TjakyLeider umhüllte sie die Stadtverwaltung mit einem Taubenschutzgitter, was optisch doch ziemlich störend wirkt.

Man sollte die Säule in Ruhe betrachten, denn sie verbirgt viele Details, zB das kleine Engerl, das mit der Feuerfackel die Pest - als häßliche, alte, ausgezehrte Frau dargestellt - besiegt.

Zu beiden Seiten der Pestsäule befinden sich die im Getümmel der Touristen etwas verloren gehenden Grabenbrunnen. Sie stehen dort seit dem 15. Jhdt. und markieren die ehemalige Größe des Platzes, der früher hinter den Brunnen durch Häuser abgeschlossen war und erst später seine Erweiterung auf die heutige Größe erfuhr.

Als Leopold I. sein Gelübnis mit der Pestsäule einlöste, gab er auch gleich für die Brunnen, von denen einer bis dahin eine Jupiterstatue getragen hatte, steinerne Figuren des Hl. Leopold und des hl. Josef in Auftrag. 1804 wurden diese durch die heutigen Bleifiguren von Johann Martin Fischer, (dem Retter der Figuren des Donnerbrunnens) ersetzt.

Leopoldsbrunnen. Foto: TjakyAuf der Seite des Stock-im-Eisen-Platzes steht der Leopoldsbrunnen. Hier entrollt ein Knabe vor dem hl. Leopold (dem Babenberger Markgrafen Leopold III.) den Kirchenplan von Klosterneuburg. Am Sockel befinden sich Reliefs, die die Auffindung des Schleiers der hl. Agnes, Leopolds Gattin, sowie die Gründung des Stifts Klosterneuburg zeigen.

Josephsbrunnen. Foto: TjakyAm Josefsbrunnen (Nähe Kohlmarkt) entfaltet ein Knabe vor dem hl. Josef eine Schriftrolle mit dessen Stammbaum. Die Reliefs illustrieren hier die Verkündigung und die Flucht nach Ägypten.

Der Graben ist ebenso wie die Kärntner Straße ein mittelalterlicher Straßenzug und präsentiert sich heute hauptsächlich mit Gebäuden aus dem 19. und dem beginnenden 20. Jhdt.






     

Fotos: © Tjaky