-SEHENSWERT

Neugebäude
oder
"Nix Genaues waß ma net"
1110, am Ostende der Neugebäudestraße zwischen Simmeringer Haide und Zentralfriedhof

Unzählige Menschen besuchen ihre Angehörigen und Freunde auf dem Urnenfriedhof, ohne zu ahnen, was sich hier vor etwas mehr als 400 Jahren abspielte. Käme jemand auf die Idee, im großen Parterre des Schloßparks in Schönbrunn oder in den Gärten des Belvederes einen Friedhof anzulegen, wäre der Schmerzensschrei der Historiker und Kunstliebhaber bis ins letzte Ecke des Universums zu hören. Beim Neugebäude hat damals niemand geschrien - und das war ein gewaltiger Fehler ...

Man schreibt das Jahr 1568, als dem prunkliebenden Maximilian II. (der mit dem Elefanten) das alte Jagdschloß am htg. Münnich für seine Hofhaltung und seine ausgeprägte Liebe zu Lust- und Ziergärten zu klein wurde. Für die Standortwahl des neuen Gebäudes dürfte ausschlaggebend gewesen sein, daß es nahe seiner Sommerresidenz im wildreichen Ebersdorfer Jagdgebiet lag. Maxi gibt den Auftrag zum Bau des Schlosses, dessen Architekt bis heute unbekannt bleibt. Teilentwürfe könnten von Jacopo Strada, einem vielgereisten Kunsthändler, stammen. Dem kunstsinnigen Kaiser wird jedoch ein bedeutendes Maß an der Mitgestaltung nachgesagt.

Was dann entsteht, wird heute in den Kunstbüchern und Chroniken als "Denkmal von europäischer Bedeutung", als "eines der größten und schönsten Schlösser der Welt", als "Gesamtkunstwerk mit höchstem Rang", als "ästhetische Begegnung von Natur und Kunst" gehuldigt. Was das Auge vor Ort zu sehen bekommt, ist ein Friedhof und einen "monumentalen Torso".

Damals setzt Maximilian seinen ganzen Ehrgeiz und ziemlich viel Geld ein und läßt die besten Künstler anreisen: den niederländischen Maler Bartholomäus Spranger, den Italiener Giulio Licinio Porderone und den Bildhauer Hans Monte. Auch die Mitarbeit von Anton Bostica, Giuseppe de Vico, Alexander Colin, Mathias Manmacher und Giovanni da Monte ist urkundlich belegt.

Renovierungsbedürftiger Turm. Foto: TjakyDie Anlage ist in eine ost-west-verlaufende ansteigende Geländekante eingebunden und an einer nord-süd-gerichteten Mittelachse orientiert. Im Ausmaß von 1.000 x 800 m wird 1570 oberhalb der Geländestufe mit dem Bau eines Lustgartens begonnen, ein von Arkadengängen umstelltes Rechteck mit vier dominierenden sechsseitigen Ecktürmen, umschrieben vom 400 x 350 m großen ummauerten Baumgarten. Es entsteht die mit Rund- und Schwalbenschwanzzinnen besetzte Umfassungsmauer mit den zehn integrierten Rundtürmen, die ein Kegeldach tragen, sowie das Wasserwerk südlich der Mittelachse (1779 bei der Adaptierung zum Pulverdepot umgebaut).

Weiters ist von einer Gloriette die Rede, von einem großen Teich mit einer künstlichen Insel, von Stallungen, einem Ballspielhaus (die Holzkonstruktion ist 1993 abgebrannt), einer Kapelle, einem Aussichtsturm, von freskengeschmückten Pavillions und einer künstlichen unterirdischen Grotte im westlichen Teil des Hauptgebäudes. 1570 werden Tiere angesiedelt.

In den beiden großen Gärten (südlicher Lustgarten und nördlicher Blumengarten) entsteht nach dem Konzept von Augier Ghislain de Busbeq und Carolus Clusius (Charles de l'Ecluse) eine reichhaltige, bunte Bepflanzung in geometrischen Mustern.

1570 bestellt Maximilian bei Colin sieben Brunnen, von denen er vier im Jahre 1576 wieder storniert. Zwei ihrer Fundamente konnten bei Ausgrabungen im "unteren Blumengarten" (dem Stück Land zwischen Schloß und Kaiser Ebersdorfer Straße) entdeckt werden.

Das ehrgeizige Projekt Maximilians endet als unvollendete, aus unzähligen konzeptuellen Änderungen und Bauabfolgen entstandene Anlage - kein vor 1576 geplantes Teil gelangt zu seiner vollständigen baulichen Umsetzung.

Ab ca. 1573 macht sich Maximilian daran, das monumentale, bis heute erhalten geblieben
e Hauptgebäude zu errichten (zuvor standen dort kleinere Gebäude, was abermals Niveau- und Konstruktionsänderungen notwendig machte), welches mit 14 m Breite und 180 m Länge nur einen Meter kürzer als Schloß Schönbrunn ist. Auch mit der Errichtung eines weit vorragenden südlichen Mittelrisalits wird begonnen, der aber nie fertiggestellt wird und von dem - bis auf seine Fundamente - nichts erhalten blieb. Danach wird das nördliche steile Terrain durch Futtermauern zweifach terrassiert und baulich eingebunden. Es entsteht das Stallgebäude und die sogenannten "Fischkalter" im unteren Blumengarten, fünf tiefe Wasserbecken, die später zum Teil zur Haltung wilder Tiere verwendet werden (sog. "Löwenhof" - diesem Ort wird die Sage "Die Löwenbraut" zugeschrieben).

Ausführliche Beschreibung des Hauptgebäudes

Schloß Neugebäude ist noch lange nicht fertig, als Maximilian am 12. Oktober 1576 stirbt. Sein Sohn, Rudolf II., läßt zwar die Arbeiten abschließen, engagiert sich jedoch nicht besonders dafür, da er seine Residenz nach Prag verlegt. Der Westflügel wird noch unter Maximilian, der Ostflügel unter Rudolf fertiggestellt. Die Arbeiten an der Südfront und an den Brunnen werden abgebrochen, die Künstler entlassen.
Blick durch den Zaun in den öden Burggarten. Foto: Tjaky1580 wird noch die Kapelle erwähnt, 1593/97 die Arbeiten eingestellt. So verliert die unvollendete Anlage ihre inhaltliche Identität und verfällt. Erste gravierende Schäden werden 1599 gemeldet, als nach einer Überschwemmung die Wasserzuleitung über den Inzersbach zusammenbricht, wodurch zahlreiche Pflanzen eingehen.

1600 stürzt das Gewölbe im Westflügel aufgrund von Konstruktionsmängeln ein.

1607 wird die Ebersdorfer Menagerie nach Neugebäude übersiedelt.

Ein halbes Jahrhundert später zeigt Ferdinand II. wieder Interesse an dem Schloß und läßt es für die Tierhaltung ausbauen.

Schwalbenschwanzzinnen, Türme und Gräber. Foto: Tjaky1665 besucht der türkische Reisende Evlya Celebi das Schloß und meint, sich in der Residenz eines Sultans zu befinden, so prächtig erscheint ihm die Ausstattung. Er berichtet auch von einer Menagerie mit Vögeln, Löwen, Tiger, Bären, Gazellen, Antilopen und Steinböcken.

Vermutlich vor 1683 werden die vier Türme des inneren Lustgartens abgetragen.

Einer Überlieferung zufolge ist das Neugebäude in seiner Gestalt als Reminiszenz (= in Gedenken) der Zeltburg Sultan Süleymans bei der Türkenbelagerung 1529 zu verstehen und soll dadurch bei der Türkenbelagerung 1638 durch Großvesir Kara Mustapha verschont und als Lebensmittellager verwendet worden sein. Eine andere Variante beschreibt ebenfalls, daß die Türken das Schloß als Lebensmittellager verwendeten, sie bei ihrer übereilten Flucht jedoch keine Zeit mehr hatten, die Anlage zu zerstören.

Die aufständischen Ungarn (Kuruzzen) verwüsten das "Wiennerische Neygeby" am 9. Juni 1704 und töten dabei fast alle Tiere der Menagerie. Kaiser Karl VI., der Vater Maria Theresias, läßt Schloß und Tiergarten zwar wieder instand setzen, doch der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten.

1736 wird Prinz Eugens Menagerie vom Belvedere ins Neugebäude verlagert.

Hier spielte sich einst das Leben ab,  von hier aus blickte man auf den Blumengarten und die Fischkotter. Foto: TjakyUnd dann kommt Maria Theresia! 1744 ordnet sie an, daß das in der Wiener Stadtbefestigung aufbewahrte Pulver ins "Schloß ohne Namen, das Neygeby genannt wird" verlegt wird. Um das Schloß sicherer zu machen, werden all die großen Öffnungen in den Mauern und Türmen bis auf kleine Schießlöcher zugemauert. 1752 holt sie sich die Tierbestände in die neu erbaute Menagerie nach Schönbrunn.

Um 1775 hätten die Historiker und Kunstliebhaber zum Schrei ansetzen müssen, denn nun läßt sie alles abbauen, was hübsch ist, und nach Schönbrunn bringen, speziell die monumentale Säulengalerie, die sich heute, in der Gloriette eingebaut, wiederfindet, die Römische Ruine sowie den Engelsbrunnen. Bei dem Transfer verschwinden die Marmorbrunnen und die Plastiken spurlos.

1779 wird die gesamte Anlage dem Militär-Ärar (Ärar = Staatsvermögen) übergeben.

1909 gelangt Neugebäude in den Besitz der Stadt Wien. Noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden Stimmen laut, die den Abbruch des Schlosses fordern. Bis zum Ende des Krieges bleibt es jedoch in militärischer Verwendung.

Krematorium. Foto: Tjaky1920/22 wäre abermals der bewußte Schrei fällig gewesen - und diesmal am lautesten, denn der ehemalige Baum- und der innere Lustgarten wird für die Errichtung des Krematoriums und die Anlage des Urnenhains zur Verfügung gestellt und somit zur "Außenstelle" des gegenüberliegenden Zentralfriedhofs degradiert.

1972 - 1974 werden auf dem Areal Grabungs- und Forschungsarbeiten durchgeführt sowie eine Bestandsaufnahme gemacht, die zum Ziel haben, das Schloß und die nordöstliche Gartenanlage nach vorhandenen Plänen und Darstellungen zu renovieren und einer zeitgemäßen Verwendung zuzuführen - sofern der Gemeinde Wien dazu genügend Geld übrigbleibt ...

Gräber, wo eins Pflanzen blühten und man im Lustgarten wandeln konnte. Foto: TjakyWir schreiben das Jahr 2001. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Das Schloß hat neue Dachziegeln bekommen. Das ist auch schon alles. Der Urnenfriedhof nimmt inzwsichen fast das gesamte Areal des südlichen Baumgartens ein und zieht sich auch schon an der westlichen Außenseite der Schloßmauer hin, wodurch es unmöglich ist, das Areal wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Die Idee, tausende Gräber umzusiedeln, würde bei den Grabbesitzern einen Schrei auslösen, der weit über die Grenzen des Universums zu hören wäre.

Das Schloß selbst verfällt weiter. "Betreten der Baustelle verboten" prangt den Spaziergängern überall entgegen. Von Bauarbeiten keine Spur!

Und so setze ich dem Neugebäude den virtuellen Grabstein.

Neugebäude, geb. 1568, gest. 1775 und 1920. Diesen Grabstein suchst Du dort vergebens. Er existiert nur hier. Foto: Tjaky