|
Unzählige Menschen besuchen ihre
Angehörigen und Freunde auf dem Urnenfriedhof, ohne zu ahnen, was sich hier
vor etwas mehr als 400 Jahren abspielte. Käme jemand auf die Idee, im großen
Parterre des Schloßparks in Schönbrunn oder in den Gärten des
Belvederes einen Friedhof anzulegen, wäre der Schmerzensschrei der Historiker
und Kunstliebhaber bis ins letzte Ecke des Universums zu hören. Beim Neugebäude
hat damals niemand geschrien - und das war ein gewaltiger Fehler ...
Man schreibt das Jahr 1568, als dem prunkliebenden Maximilian II. (der
mit dem Elefanten) das alte Jagdschloß am htg. Münnich für seine
Hofhaltung und seine ausgeprägte Liebe zu Lust- und Ziergärten zu klein
wurde. Für die Standortwahl des neuen Gebäudes dürfte ausschlaggebend
gewesen sein, daß es nahe seiner Sommerresidenz im wildreichen Ebersdorfer
Jagdgebiet lag. Maxi gibt den Auftrag zum Bau des Schlosses, dessen Architekt
bis heute unbekannt bleibt. Teilentwürfe könnten von Jacopo Strada,
einem vielgereisten Kunsthändler, stammen. Dem kunstsinnigen Kaiser wird
jedoch ein bedeutendes Maß an der Mitgestaltung nachgesagt.
Was dann entsteht, wird heute in den Kunstbüchern und Chroniken als "Denkmal
von europäischer Bedeutung", als "eines der größten
und schönsten Schlösser der Welt", als "Gesamtkunstwerk
mit höchstem Rang", als "ästhetische Begegnung von
Natur und Kunst" gehuldigt. Was das Auge vor Ort zu sehen bekommt, ist
ein Friedhof und einen "monumentalen Torso".
Damals setzt Maximilian seinen ganzen Ehrgeiz und ziemlich viel Geld ein und läßt
die besten Künstler anreisen: den niederländischen Maler Bartholomäus
Spranger, den Italiener Giulio Licinio Porderone und den Bildhauer Hans Monte.
Auch die Mitarbeit von Anton Bostica, Giuseppe de Vico, Alexander Colin, Mathias
Manmacher und Giovanni da Monte ist urkundlich belegt.
Die
Anlage ist in eine ost-west-verlaufende ansteigende Geländekante eingebunden
und an einer nord-süd-gerichteten Mittelachse orientiert. Im Ausmaß
von 1.000 x 800 m wird 1570 oberhalb der Geländestufe mit dem Bau eines Lustgartens
begonnen, ein von Arkadengängen umstelltes Rechteck mit vier dominierenden
sechsseitigen Ecktürmen, umschrieben vom 400 x 350 m großen ummauerten
Baumgarten. Es entsteht die mit Rund- und Schwalbenschwanzzinnen besetzte Umfassungsmauer
mit den zehn integrierten Rundtürmen, die ein Kegeldach tragen, sowie das
Wasserwerk südlich der Mittelachse (1779 bei der Adaptierung zum Pulverdepot
umgebaut).
Weiters ist von einer Gloriette die Rede, von einem großen Teich mit einer
künstlichen Insel, von Stallungen, einem Ballspielhaus (die Holzkonstruktion
ist 1993 abgebrannt), einer Kapelle, einem Aussichtsturm, von freskengeschmückten
Pavillions und einer künstlichen unterirdischen Grotte im westlichen Teil
des Hauptgebäudes. 1570 werden Tiere angesiedelt.
In den beiden großen Gärten (südlicher Lustgarten und nördlicher
Blumengarten) entsteht nach dem Konzept von Augier Ghislain de Busbeq und Carolus
Clusius (Charles de l'Ecluse) eine reichhaltige, bunte Bepflanzung in geometrischen
Mustern.
1570 bestellt Maximilian bei Colin sieben Brunnen, von denen er vier im Jahre
1576 wieder storniert. Zwei ihrer Fundamente konnten bei Ausgrabungen im "unteren
Blumengarten" (dem Stück Land zwischen Schloß und Kaiser Ebersdorfer
Straße) entdeckt werden.
Das ehrgeizige Projekt Maximilians endet als unvollendete, aus unzähligen
konzeptuellen Änderungen und Bauabfolgen entstandene Anlage - kein vor 1576
geplantes Teil gelangt zu seiner vollständigen baulichen Umsetzung.
Ab ca. 1573 macht sich Maximilian daran, das monumentale, bis heute erhalten gebliebene
Hauptgebäude zu errichten (zuvor standen dort kleinere Gebäude, was
abermals Niveau- und Konstruktionsänderungen notwendig machte), welches mit
14 m Breite und 180 m Länge nur einen Meter kürzer als Schloß
Schönbrunn ist. Auch mit der Errichtung eines weit vorragenden südlichen
Mittelrisalits wird begonnen, der aber nie fertiggestellt wird und von dem - bis
auf seine Fundamente - nichts erhalten blieb. Danach wird das nördliche steile
Terrain durch Futtermauern zweifach terrassiert und baulich eingebunden. Es entsteht
das Stallgebäude und die sogenannten "Fischkalter" im unteren Blumengarten,
fünf tiefe Wasserbecken, die später zum Teil zur Haltung wilder Tiere
verwendet werden (sog. "Löwenhof" - diesem Ort wird die Sage "Die
Löwenbraut" zugeschrieben).
Ausführliche
Beschreibung des Hauptgebäudes
Schloß Neugebäude ist noch lange nicht fertig, als Maximilian am 12.
Oktober 1576 stirbt. Sein Sohn, Rudolf II., läßt zwar die Arbeiten
abschließen, engagiert sich jedoch nicht besonders dafür, da er seine
Residenz nach Prag verlegt. Der Westflügel wird noch unter Maximilian, der
Ostflügel unter Rudolf fertiggestellt. Die Arbeiten an der Südfront
und an den Brunnen werden abgebrochen, die Künstler entlassen.
1580
wird noch die Kapelle erwähnt, 1593/97 die Arbeiten eingestellt. So verliert
die unvollendete Anlage ihre inhaltliche Identität und verfällt. Erste
gravierende Schäden werden 1599 gemeldet, als nach einer Überschwemmung
die Wasserzuleitung über den Inzersbach zusammenbricht, wodurch zahlreiche
Pflanzen eingehen.
1600 stürzt das Gewölbe im Westflügel aufgrund von Konstruktionsmängeln
ein.
1607 wird die Ebersdorfer Menagerie nach Neugebäude übersiedelt.
Ein halbes Jahrhundert später zeigt Ferdinand II. wieder Interesse an dem
Schloß und läßt es für die Tierhaltung ausbauen.
1665
besucht der türkische Reisende Evlya Celebi das Schloß und meint, sich
in der Residenz eines Sultans zu befinden, so prächtig erscheint ihm die
Ausstattung. Er berichtet auch von einer Menagerie mit Vögeln, Löwen,
Tiger, Bären, Gazellen, Antilopen und Steinböcken.
Vermutlich vor 1683 werden die vier Türme des inneren Lustgartens abgetragen.
Einer Überlieferung zufolge ist das Neugebäude in seiner Gestalt als
Reminiszenz (= in Gedenken) der Zeltburg Sultan Süleymans bei der Türkenbelagerung
1529 zu verstehen und soll dadurch bei der Türkenbelagerung 1638 durch Großvesir
Kara Mustapha verschont und als Lebensmittellager verwendet worden sein. Eine
andere Variante beschreibt ebenfalls, daß die Türken das Schloß
als Lebensmittellager verwendeten, sie bei ihrer übereilten Flucht jedoch
keine Zeit mehr hatten, die Anlage zu zerstören.
Die aufständischen Ungarn (Kuruzzen) verwüsten das "Wiennerische
Neygeby" am 9. Juni 1704 und töten dabei fast alle Tiere der Menagerie.
Kaiser Karl VI., der Vater Maria Theresias, läßt Schloß und Tiergarten
zwar wieder instand setzen, doch der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten.
1736 wird Prinz Eugens Menagerie vom Belvedere ins Neugebäude verlagert.
Und
dann kommt Maria Theresia! 1744 ordnet sie an, daß das in der Wiener
Stadtbefestigung aufbewahrte Pulver ins "Schloß ohne Namen, das Neygeby
genannt wird" verlegt wird. Um das Schloß sicherer zu machen, werden
all die großen Öffnungen in den Mauern und Türmen bis auf kleine
Schießlöcher zugemauert. 1752 holt sie sich die Tierbestände in
die neu erbaute Menagerie nach Schönbrunn.
Um 1775 hätten die Historiker und Kunstliebhaber zum Schrei ansetzen müssen,
denn nun läßt sie alles abbauen, was hübsch ist, und nach Schönbrunn
bringen, speziell die monumentale Säulengalerie, die sich heute, in der Gloriette
eingebaut, wiederfindet, die Römische Ruine sowie den Engelsbrunnen. Bei
dem Transfer verschwinden die Marmorbrunnen und die Plastiken spurlos.
1779 wird die gesamte Anlage dem Militär-Ärar (Ärar = Staatsvermögen)
übergeben.
1909 gelangt Neugebäude in den Besitz der Stadt Wien. Noch vor dem Ausbruch
des Ersten Weltkriegs wurden Stimmen laut, die den Abbruch des Schlosses fordern.
Bis zum Ende des Krieges bleibt es jedoch in militärischer Verwendung.
1920/22
wäre abermals der bewußte Schrei fällig gewesen - und diesmal
am lautesten, denn der ehemalige Baum- und der innere Lustgarten wird für
die Errichtung des Krematoriums und die Anlage des Urnenhains zur
Verfügung gestellt und somit zur "Außenstelle" des gegenüberliegenden
Zentralfriedhofs degradiert.
1972 - 1974 werden auf dem Areal Grabungs- und Forschungsarbeiten durchgeführt
sowie eine Bestandsaufnahme gemacht, die zum Ziel haben, das Schloß und
die nordöstliche Gartenanlage nach vorhandenen Plänen und Darstellungen
zu renovieren und einer zeitgemäßen Verwendung zuzuführen - sofern
der Gemeinde Wien dazu genügend Geld übrigbleibt ...
Wir
schreiben das Jahr 2001. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Das Schloß
hat neue Dachziegeln bekommen. Das ist auch schon alles. Der Urnenfriedhof nimmt
inzwsichen fast das gesamte Areal des südlichen Baumgartens ein und zieht
sich auch schon an der westlichen Außenseite der Schloßmauer hin,
wodurch es unmöglich ist, das Areal wieder in seinen ursprünglichen
Zustand zu versetzen. Die Idee, tausende Gräber umzusiedeln, würde bei
den Grabbesitzern einen Schrei auslösen, der weit über die Grenzen des
Universums zu hören wäre.
Das Schloß selbst verfällt weiter. "Betreten der Baustelle verboten"
prangt den Spaziergängern überall entgegen. Von Bauarbeiten keine Spur!
Und
so setze ich dem Neugebäude den virtuellen Grabstein.

|