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Der
erste Elefant
Am 7. Mai 1552 herrschte dichtes Gedränge in den Straßen Wiens. Maximilian
II. kehrte mit seiner Gattin Maria aus Spanien zurück. Das alleine hätte
den enormen Menschenauflauf nicht verursacht. Der junge Kronprinz brachte einen
Elefanten mit, ein Tier, das man auf deutschem Boden nie zuvor gesehen hatte,
und das im prunkvoll organisierten Festzug mitgehen sollte. Gasthäuser, in
denen das Tier auf seiner langen Reise genächtigt hat, tragen heute noch
den Namen "Zum Elefant(en)".
Zum Entsetzen aller stürzte im Gedränge am Graben ein fünfjähriges
Mädchen vor die Beine des Dickhäuters. Jeder glaubte, das große
Tier würde es unweigerlich zerstampfen. Doch der Elefant machte mit seinem
Rüssel einen weiten Bogen, um sich Platz zu verschaffen, hob die Kleine vorsichtig
auf und überreichte sie der weinenden Mutter. Die staunende Menge brach in
Jubel aus. Der Elefant hatte ihre Herzen im Sturm erobert.
Nach dem Festzug wurde der Elefant im neuen Tiergehege im Schloß Ebreichsdorf
untergebracht. Er strab bereits am 18. Dezember des nächsten Jahres. Aus
seinem rechten Vorderfuß ließ sich der Wiener Bürgermeister Sebastian
Huetstocker einen Stuhl fertigen, der sich heute im Stift Kremsmünster befindet.
Der Grundstein zu den "Sammelobjekten" der kaiserlichen Menagerie war
jedoch mit dem Einzug des Elefanten gelegt. Ihm folgten alsbald ein Löwenpaar,
ein Bär, ein Luchs, Papageien, Affen und Strauße.
Die "Menagerie" - der Talisman der Monarchie
Kaiser
Franz I. beschäftigte sich mit Alchemie und Astrologie. Der Pavillion in
der Menagerie, meist beschrieben als Frühstückspavillion, beherbergte
im Untergeschoß ein Labor, wo der Kaiser mit hohem Kostenaufwand versuchte,
unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Durch geheime Gänge war es mit anderen
Gebäuden verbunden.
Sehen wir uns den alten Bauplan genauer an: Der Pavillion ist als Kreis mit einem
Mittelpunkt eingezeichnet. In der Alchemie symbolisiert dieses Zeichen Gold, in
der Astrologie die Sonne. Der Bau steht auf einer Plattform, auf die 4 Treppen,
aus jeder Windrichtung eine, hinaufführen. Jede Treppe besteht aus 9 Stufen.
Die Zahl 9 steht als Symbol für Vollendung und Klugheit.
13 Segmente umgeben den Mittelpunkt. 12 davon, gleich groß, stehen für
die Tierkreiszeichen. Die beiden Inseln im Teich rechts oben sind vom Dach des
Pavillions aus gesehen, als astrologische Meßpunkte verwendbar. In seiner
Gesamtheit stellt die Menagerie einen Kometen dar, wobei das Dreieck des 13. Segmetes
zusammen mit der Fläche, in der der Teich liegt, den Schweif bildet.
Die bereits vor bösen Kräften schützende Ringmauer unterstützte
Franz I. entlang der Trennmauern in den einzelnen Logen durch je 12 Bäume,
wodurch 12 magische Ringe den Mittelpunkt umschlossen.
120 Jahre lang blieb die Anlage, die als Talisman des Kaiserhauses galt, unverändert.
Tatsächlich erlebte die Monarchie in dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung
und der Familie Habsburg konnte trotz Napoleonkriegen und Revolution kein Problem
wirklich gefährlich werden.
1879 ernannte Franz Joseph gegen den Widerstand seiner Berater Alois Kraus zum
Leiter der Menagerie. Dieser wollte die Anlage erweitern und veranlaßte
deshalb 10 Jahre später die Demolierung der gelben Radial- und Ringmauern.
Es klingt unheimlich, daß die Zerstörung des Talismans zeitlich mit
dem Beginn des Untergangs der Monarchie zusammenfällt und im selben Jahr
stattfand, als das Habsburgerreich durch den Selbstmord des Kronprinzen in Mayerling
in seinen Fundamenten erschüttert wurde. Zwar vergrößerte man
den Zoo und er gelangte dadurch zu neuer Blüte, doch das Ende der Monarchie
war nicht mehr aufzuhalten.
Die Giraffe
Abermals Aufregung in Wien: Der Vizekönig von Ägypten hat der Wiener
Menagerie eine Giraffe spendiert! In Darfur (htg. Sudan) wurden zwei einjährige
Giraffen gefangen. Der österreichische Generalkonsul durfte sich eine aussuchen
und wählte das Weibchen, welches jedoch in Alexandria krank wurde. Also ging
der Bulle auf die lange Reise nach Wien.
Am
30. März 1828 wurde das Tier mit dem Schiff nach Venedig transportiert, wo
es am 27. April ankam und eine 40tägige Quarantänepause einlegte. In
Begleitung seines Wiener Wärters ging es abermals per Schiff weiter nach
Fiume, wo es am 15. Juni eintraf.
Von da an war Fußmarsch angesagt. Bis Karlstadt hielt die Giraffe, mit Schnürschuhen
an den empfindlichen Hufen, brav durch, dann war sie müde und verweigerte.
Also wurde ihr ein Wagen gebaut. Weiter ging es über Agram, Varazdin, Steinamanger,
Güns und Ödenburg. Eine ganze Karawane war da unterwegs und in jeder
Station wurde ein Stall mit ganz speziellen Bedingungen vorbereitet. In Schönbrunn
wurde inzwischen das Giraffenhaus gebaut.
Am 7. August 1828 kam das Tier wohlbehalten in Wien an. Seinen arabischen Wärter
hat das sicher nicht gewundert - hatte er ihm doch ein Säckchen mit Kräutern
umgehängt, das es vor Verzauberung und Krankheit schützen sollte.
In Wien konnte der Tiergarten die Menschenmassen gar nicht aufnehmen und alles
mußte plötzlich "à la Giraffe" sein: Mode, Frisuren,
Aschenbecher, Trinkgefäße; ein eigenes Gebäck, die "Giraffeln"
wurden erfunden; man spielte das Giraffen-Klavier und tanzte den Giraffen-Galopp.
Das dazupassende Theaterstück fiel bei den Wienern allerdings durch und wurde
"ausgezischt".
Auch der Giraffe war kein langes Leben vergönnt. Sie starb 10 Monate nach
ihrer Ankunft an Knochen-TBC.
Der Erste Weltkrieg
Am
28. Juli 1914 unterschrieb der fast 84jährige Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung.
Als die harten Zeiten anbrachen, war es mit der anfänglichen Begeisterung
schnell vorbei. Besonders der Tiergarten hatte mit Versorgungs- und Personalproblemen
zu kämpfen. Die Raubtiere hatten oft bis zu vier Tagen kein Stück Fleisch.
Manchmal fiel ein ausgedientes Militärpferd ab. Es wurde Fleisch aus einer
thermochemischen Fabrik besorgt, welches den Tieren aber nicht bekam. Ein schöner
Berberlöwe starb sogar daran. Schließlich entschloß man sich
dazu, weniger wertvolle Menagerietiere zu schlachten und damit die anderen über
die Runden zu bringen.
19. Mai 1918. Ein Soldat drehte durch und schoß mit seiner Pistole auf den
Eisbären, "weil der jeden Tag 10 kg Fleisch bekommt, während ich
hungern muß", sagte er bei seiner Verhaftung. Der Eisbär hatte
schon lange kein Fleisch mehr gesehen. Er wurde mit Fischköpfen gefüttert.
Nach dem Krieg war der Tierbestand auf die Hälfte abgesunken (1.128 Tiere),
davon 30 Raubtiere, 17 Raubvögel und 2 Affen. Viele Tierhäuser standen
leer. Man hegte sogar den Plan, den Tiergarten aufzulassen und stattdessen eine
Geflügelzucht zu errichten. Doch da traten die Wiener auf den Plan! Sie hatten
selbst nichts, schickten aber Spenden - sogar aus Übersee traf Geld ein.
Auslandsösterreicher vermittelten neue Tiere. Der Tiergarten wurde als staatliches
Institut weitergeführt und die junge Republik verlangte ab 1921 Eintrittsgeld,
welches aber nicht zweckgebunden verwendet wurde, sondern im tiefen Staatssäckel
verschwand.
1926/27 hatte sich der Tiergarten soweit erholt, daß man die große
Raubvogelvolière errichten sowie Um- und Zubauten am Affen- und Raubtierhaus
vornehmen konnte.
Der Zweite Weltkrieg
In
den Morgenstunden des 19. Februars 1945 ging ein Bombenhagel gerade auf jene Lebenwesen
nieder, die am wenigsten mit dem Kriegsgeschehen zu tun hatten. Das Elefanten-
und Nashornhaus sowie etliche Volièren wurden völlig zerstört.
Zwei Tage später ein zweiter Angriff auf den Tiergarten.
Bilanz 7 Wochen vor Kriegsende: Ca. 300 Bomben hatten den Zoo getroffen, 200 davon
waren in Tiergehegen explodiert. Von 3.500 Tieren lebten nur noch 1.500. Nur der
Pavillion in der Mitte, in dem die Papageien untergebracht waren, hatte alles
schadlos überstanden. Auf der zerstörten Gloriette sah man noch drei
Tage einen Kondor sitzen, dann war auch der verschwunden.
Die verbliebenen Tiere benötigten 240 kg Fleisch und 800 kg Heu pro Tag.
Am 9. April 1945 zogen in Schönbrunn sowjetische Soldaten ein. Schnell besorgte
man Ausnahmegenehmigungen für die Tierpfleger, denn die Russen zogen jeden
verfügbaren Mann zum Arbeitsdienst ein. Die erste Hürde war geschafft,
doch die Tiere brüllten vor Hunger und demolierten in ihrer Verzweiflung
an den Käfigen, was noch davon übrig geblieben war.
Während der letzten Kriegstage hatte Karl Rebernigg seinen Zirkus im Tiergarten
untergestellt. Seinen Tieren ging es nicht besser. Da faßten sich er, der
ausgezeichnet russisch sprach, und die Tierwärter ein Herz und gingen geschlossen
hinüber zum sowjetischen Kommandanten General Dimitrij Schepilow, dem sie
die Sitatuion des Zoos erklärten, "als ginge es um ihr eigenes Leben".
Schepilow war von ihrer Schilderung dermaßen beeindruckt, daß er Anweisung
gab, "für die Bewohner des Wr. Tiergartens Armeerationen auszugeben".
Bis Juli 1945 wurden die Tiere von der Roten Armee verköstigt.
Das Ende des Tiergartens ... oder doch nicht?
Im Frühling 1972 besuchten Bundeskanzler Bruno Kreisky und Finanzminister
Hannes Androsch den Tiergarten. Sie wollten sich ihn noch ein letztes Mal ansehen,
bevor er endgültig zusperrte. Kreisky schaute sich nicht nur die traurigen
Tiere in ihren veralteten Anlagen an, die immer wieder die Proteste der Tierschützer
aufflammen ließen. Er beobachtete auch die Zoobesucher und erkannte an ihrer
Begeisterung, daß kein Lehrbuch und kein noch so gut produzierter Dokumentarfilm
die Begegnung mit dem lebenden Tier ersetzen könnte. Bald stand sein Entschluß
fest: "Der Tiergarten Schönbrunn wird nicht zugesperrt!"
Die Kronen Zeitung startete eine Hilfsaktion. Die Besucherzahlen stiegen. Man
diskutierte einen Umbau um 100 Mio. öS, der allerdings nur am Papier stattfand.
Der Tiergarten war nämlich der Schloßhauptmannschaft unterstellt, diese
wiederum dem Bauten-, später dem Wirtschaftsministerium. Die Einnahmen des
Zoos wurden an das Ministerium abgeliefert und verschwanden im Defizitloch. Die
Geldmittel, die der Zoo benötigte, wurden dann "der Budgetlage entsprechend"
zugeteilt. Da kein Geld vorhanden war, wurde auch keines zur Verfügung gestellt.
Und die Mißstände im Zoo wurden täglich größer.
13 Jahre nach der ersten Hilfsaktion war noch immer nichts passiert. Nur die Diskussionen
und Proteste der Tierschützer setzten sich fort. Immer wieder wurde gefordert:
"Schließung des Tier-KZ Schönbrunn!"
Tiergartendirektor Dr. Böck stellte 1990 in aller Heimlichkeit eine "Ausverkaufsliste"
zusammen, auf der der einzige Elefant (sein Kumpel war am 1. Juli 1990 gestorben
und die Ankaufsbestrebungen für einen neuen waren nur eine Scheinaktion)
an erster Stelle stand. 36 Tierarten folgten, darunter auch die Berberlöwen.
Wirtschaftsminister Schüssel bekam Wind davon und entschied: "Kein Ausverkauf
von Tieren!" und: "Der Zoo soll in eine eigene Gesellschaft ungewandelt
werden."
Bereits einen Monat vor dieser Entscheidung hatte Schüssel 200 Mio. öS
für den Ausbau des Tiergartens bereitgestellt und eine betriebswirtschaftliche
Durchleuchtung des Betriebes angeordnet.
Mitte April 1991 - der einsame Elefant (Elefanten sind absolute Herdentiere und
alleine nicht lebensfähig), der inzwischen unter psychischen Störungen
litt, war noch immer alleine - war das Geld für einen neuen Elefanten mit
viel Engagement von der Wiener Bevölkerung zusammengesammelt worden. Auch
ein Angebot des Zoos von Halle lag vor. Doch Direktor Dr. Böck fand immer
wieder Ausreden, um die Besichtigung des Tieres zu verschieben. Schließlich
scheiterte die Übersiedelung an einer geeigneten Transportkiste.
Als die Kronen Zeitung darüber berichtete, kam prompte Hilfe vom Kommerzialrat
Sigmund Krämer, Vorstandsdirektor des Wr. Hafens. Er besorgte die Kiste und
stellte sie dem Zoo gratis zur Verfügung.
Am 24. September 1991 kam der neue Elefant endlich nach Wien. Nach kurzer Eingewöhnungszeit
ließ man die beiden Dickhäuter zusammen und sie verstanden sich prächtig.
Der Leidensweg von Jumbo hatte damit ein Ende. Der von Direktor Böck auch.
Am 13. Dezember 1992 wurde im Büro von Minister Schüssel der Gesellschaftsvertrag
für die "Tiergarten Schönbrunn GmbH" unterzeichnet. Als neuer
Direktor wurde der erfolgreiche Leiter des Innsbrucker Alpenzoos, Dr. Helmut Pechlaner,
nach Wien geholt.
Die Aera Pechlaner
Pechlaner
krempelte die Ärmel auf und sein Team krempelte mit. Zuerst entrümpelten
sie den Zoo. 80 t Sperrmüll stöberten sie auf, aber auch 30 Parkbänke,
durch die bereits die Büsche wuchsen. Diese und vieles andere wurde frisch
gestrichen und reaktiviert. Überflüssige Gitter wurden entfernt und
so größerer Auslauf für die Tiere geschaffen. Fahrräder,
die am Fundamt nicht abgeholt wurden, ließ Pechlaner nach Schönbrunn
bringen und stellte sie seinen Tierwärtern zur Verfügung.
Schnitt die Gartenverwaltung die Bäume, ließ er die Äste nicht
abtransportieren, sondern gab sie den Tieren zum Knabbern. Er ließ Baumrinde
und Erde in die Betongehege streuen. Das und vieles mehr waren erste Maßnahmen,
die viel brachten und wenig kosteten.
Viel
gekostet haben wohl Pechlaners Schuhsohlen, denn er war ständig unterwegs,
um für seine geplanten und bereits durchgeführten Projekte die Werbetrommel
zu schlagen. Die WienerInnen bemerkten, daß er keine leeren Sprüche
klopfte und strömten wieder in den Zoo, wo sie mancherorts nun selbst im
alten Käfig stehend durch die Gitterstäbe die Tiere im artgerechten
Freigehege beobachten konnten. Sensationell waren auch die ersten Raubtierfütterungen,
bei denen sich die Tiere das Fleisch, das an einem Lift durchs Gehege bewegt wird,
selbst "fangen" müssen - inzwischen eine Selbstverständlichkeit.
Das
letzte große Projekt ist die Erlebniswelt im neu erbauten Aqua-Terrarien-Haus.
Ein 8 m langer Acryltunnel führt durch ein 150.000 l großes Amazonasbecken.
In einem weiteren Großaquarium mit 80.000 l Meerwasser wird der Lebensraum
eines Korallenriffs nachempfunden. Eine zoologische Besonderheit ist auch die
riesige Steppenlandschaft, in der sich bedrohte Tierarten so wohlfühlen,
daß sie sich vermehren.
Die Zeiten, wo der Tiger in seinem Käfig stets fünf Schritte hin und
fünf zurück wanderte, sind nun im Schönbrunner Tiergarten endgültig
vorbei!
Heute werden auf einer Gesamtfläche
von 17 ha ca. 2.800 Tiere gezeigt.
Mehr über den Schönbrunner
Tiergarten:

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