Die Kellnerprüfung
PRÜFER: Geschätztes Auditorium, hochverehrte Zuträger und
Zuträgerinnen, einschließlich Pikkolo, Sitzkassierin und Gebäck!
Delegiert vom Gewerbeförderungsinstitut, ist es meine Aufgabe, Ihnen in schwerer
Zeit, bevor daß Sie in alle Winde hinausschnellen, Ihnen also ein letztes
Mal einzuschärfen, welche Kulturmission unser heimisches echtwiener Kaffeehaus
in der Welt zu erfüllen hat, vermag und auch kann. (...) Bevor daß
Sie also hinausschnellen, werde ich mir erlauben, Sie einer kleinen Prüfung
zu unterziehen, ob Sie auch imstande sind, Ihren Stand voll und ganz auszufüllen.
Karl Domeier, komm außer.
KARL (tritt vor): Der Herr gewunschen, bitte -?
PRÜFER: Der Tonfall war net schlecht, a bisserl rescher könnt
er noch sein. Also, Sie Karl, sagen Sie mir: was ist ein "Kapuziner, mehr
licht mit Schlag"?
KARL (sehr rasch): Ein "Kapuziner, mehr licht mit Schlag" ist
beinahe daselbe wie eine "Schale Nußgold mit Haut", nur eben natürlich
mit "Schlag" statt mit "Haut" und um eine Idee mehr dunkel.
PRÜFER: Sehr brav, setzen. Josef Hundsgruber. Was ist eine "Teeschale"?
JOSEF: Eine Schale Tee.
PRÜFER: Ganz falsch. (...) Eine Schand für einen werdenden Zuträger,
so was nicht wissen! Eine Teeschale im Kaffeehaus ist nichts als eine Maßeinheit.
Eine "Teeschale, mehr licht" zum Beispiel, das ist eine "Kaffeeschale
Lauf", also ein laufender normaler Kaffee. Denn a wirklicher Tee ist nie
eine "Teeschale", sondern immer eine "Portion". Und die "Portionen"
zerfallen in - (deutet auf Franz) - na, sagen S' es!?
FRANZ: Die "Portionen Tee" zerfallen in: "mit Rum",
"mit Milch", "mit Zitrone" und "mit ohne", ich bitte.
PRÜFER: Brav. Kennen S' vielleicht auch die verschiedenen Arten "Melange"?
Obwohl, das ist eigentlich schon mehr Hochschulstoff und dürfte Ihnen demnach
zu schwer sein?
FRANZ: Man unterscheidet achterlei Arten "Melange". Die häufigst
vorkommende ist die "mit Schlag". Es gibt aber auch hier "mit ohne",
ferner "passiert" oder "mit Haut", dann "mit Haut und
mit Schlag", "mit Haut und ohne Schlag", "ohne Haut mit Schlag",
und schließlich "ohne Haut und ohne Schlag".
PRÜFER: Danke, ich seh schon, Sie verdienen Auszeichnung. Josef, für
Sie noch eine Frage, weil S' früher versagt haben. Was is alsdann "einmal
Natur"?
JOSEF (stotternd): Einmal Natur ..., einmal Natur ...
PRÜFER: Was? Das wissen S' auch nicht? (...) Passen S' auf: Ein "Schwarzer"
is manches Mal ein "Türkischer" und manches Mal ein "Mokka"
--
JOSEF (unterbrechend): Bitt schön i waß schon: Der letztere
nämlich, der "Türkische", is teils "passiert", dann
is er "natur" oder "gewöhnlich", dann is er "gewöhnlich".
Auch da gibt's wieder "Nuß- oder Teeschale", man kann zur passierten
"Nußschale" ein "Schlag" oder zum "Doppelmokka,
natur" gar nix nehmen, oder umgekehrt --
PRÜFER (unterbrechend): Sehr richtig, das laßt sich permutieren.
Was ein "Kapo, sehr hell", eine "Melange, sehr heiß",
ein "Doppelmokka, gespritzt" ist, geht demnach eindeutig aus dem Obengesagten
hervor. So und jetzt hätt ma noch den Schurl. Komm außer, Pikkolo!
(...) Paß auf: wann ein Herr bestellt: "Einmal Sahne!" Was denkst
du da sofort?
SCHURL: Daß der Herr a Preuß is, Herr Professor. Eine "Sahne"
ist nämlich in Wahrheit immer ein "Schlag", äußerstenfalls
ein "Obers".
PRÜFER: Sehr gut. (...) Jetzt noch eine Abschlußfrage, bevor
ich Sie alle für reif erkläre für den Dienst am Kunden. Stellts
euch einmal alle vor, ein Gast ruft: "Zahlen!" Was machts ihr da? (Alle
zeigen auf.) Na, Franz?
FRANZ: I geh sofort hin und kassier ein.
PRÜFER: Ganz falsch. Ihnen muß ma umschulen auf ein Gaskassier.
-- Pepi?
JOSEF: Ich schau, ob der Gast zu meinem Rayon gehört.
PRÜFER: Schon besser.
SCHURL (ratschend): Hört's der Pikkolo, kümmert er sich net drum.
Kümmert er sich aber ja drum, sagt er's dem ersten Zuträger, der sagt's
dem zweiten. Wann der Gast Glück hat, geht das jetzt so weiter bis zum Marqueur,
der was bekanntlich der Ober ist. Wann aber der Gast ka Glück hat --
PRÜFER: Karl, fahren Sie fort!
KARL: Wan daß der Gast kein Glück hat, fangt er halt wieder
von vorn an mit sein tepperten "Zahlen!"
PRÜFER: Jetzt aber Annahme, bitte: Annahme -- in der Praxis kommt's
ja eh nie vor! -- daß es gleich beim ersten Mal der Marqueur hört,
was is dann?
KARL: Dann derf der Ober nie sofort hingehen. Sofort hingehen ist absolut
unfein, das schauert ja aus, als ob ma in Sankt Pölten ausglernt hätt
und net beim "Sacher". Besser Fliegen fangen oder jede andere Arbeit,
nur net hingehn!
PRÜFER: Sehr richtig! Besser Fliegen fangen oder jede andere Arbeit,
nur net hingehn! Mit dieser Lebensregel wollen wir unsere heutige Gewerbeförderung
beschließen. Alle ohne Ausnahme sind mit Auszeichnung für reif erklärt,
österreichische Volksbräuche in alle Winde zu tragen. (...)
Rudolf Weys, in: Wien von A - Z, Wiener Verlag 1953
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