Die Börse
Ursprünglich stand
Heinrich Ferstel als architektonischer Berater der Börsekammer zur Seite,
denn als Schöpfer des Bank- und Börsegebäudes in der Herrengasse
wußte er am besten über die Bedürfnisse dieser Institution Bescheid.
Dann wurde Theophil Hansen
um einen Entwurf ersucht. Ferstel war darüber gar nicht glücklich, denn
er sah nicht ein, daß ein anderer auf den von ihm geleisteten Vorarbeiten
aufbauend, den Lohn ernten sollte. Seine Beschwerden ignorierend, setzte die Börsekammer
ein Baukomitée ein, das Hansens Pläne favorisierte.
Im März 1870 stellte Kaiser Franz Joseph den Bauplatz am Schottenring zur
Verfügung. Das hatte zur Folge, daß alle größeren Banken
in der Nähe Gründe erwarben.
Obwohl die Börsekammer Hansens Plan bereits zugestimmt hatte und zur Finanzierung
eine Anleihe aufgelegt worden war, wurde ein weiterer Wettbewerb mit beschränkter
Konkurrenz ausgeschrieben. Es siegten die Projekte von Hansen und Karl Tietz,
beide Architekten wurden mit der Ausführung betraut. Die Zusammenarbeit funktioneirte,
endete jedoch plötzlich, als Tietz Anfang 1872 geisteskrank wurde und unter
Kuratel gestellt werden mußte. Hansen vollendete den Bau alleine nach seinen
ursprünglichen Plänen.
Schwierigkeiten begleiteten den Bau von Anfang an. Die exquisite Innenausstattung,
Hansens Liebe zum Detail und verspätete Materiallieferungen verzögerten
die Fertigstellung immer wieder. Das Baukomitée beschloß, den Ausbau
des ersten Stocks auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, Hansen persönlich
für den Verzug haftbar zu machen und ordnete wiederholt Einsparungen an.
Nur Hansens Beharrlichkeit sowie dem Umstand, daß er einen Teil der Baukosten
selbst trug, ist es zu verdanken, daß er seine Pläne realisieren konnte.
Schließlich kam es auch noch zu Problemen mit der Heizung. Die stucküberzogenen
Wände verloren durch die Feuchtigkeit den Glanz und die Malerei bröckelte
teilweise ab.
Am 12. März 1877 nahm die Börse endlich den Betrieb auf. Zwei Tage später
besuchte der Kaiser das festlich geschmückte Haus.
Ein Börsekrach von unvorstellbarem Ausmaß führte am 8. und 9.
Mai 1873 eine schwere wirtschaftliche Krise herbei. Der "schwarze Freitag"
brachte den Konkurs Hunderter Betriebe und kleiner Werkstätten, aber auch
großer Firmen und Banken. Am 8. Mai wurden 110 Insolvenzen gemeldet, am
nächsten Tag weitere 120. Das Bankhaus J. B. Placht ist ein klassisches Beispiel:
Aktiva von 9.000 Golden stehen Schulden von 2.760.000 Gulden gegenüber.
Sogar die Stadt Wien hatte Zahlungsschwierigkeiten. Bürgermsiter Cajetan
Felder mußte einen Wechsel in der Höhe von 9 Millionen Gulden unterzeichnen,
um die Beamtengehälter auszahlen zu können.
Der Börsekrach hatte sich schon Monate vorher abgezeichnet. Nur die hochgesteckten
Erwartungen an die Weltausstellung in Wien haben ihn verzögert. Dann wurden
bei der Creditanstalt Kredite in der Höhe von 20 Millionen Gulden fällig,
gleichzeitig blieb der erwartete Besucherstrom in den ersten Tagen der Weltausstellung
aus. Angeblich wurde durch einen Kaufmann aus Treviso, der im Hotel "Donau"
in der Nordbahnstraße logierte, die Cholera eingeschleppt. Im Hotel erkrankten
13 Personen, von denen acht binnen drei Tagen starben. Daraufhin verließen
die restlichen 400 Gäste fluchtartig das Hotel - und viele, die wegen der
Weltausstellung gekommen waren, Wien.
Die Cholera hatten ihren Höhepunkt wärend der Weltausstellung und forderte
2.983 Opfer.
Durch einen Großbrand wurde das Gebäude am 13. April 1956 schwer beschädigt
und der Börsesaal samt seiner kunstvollen Decke völlig vernichtet. Die
Ursache des Feuers soll ein weggeworfener Zigarettenstummel gewesen sein, der
durch ein Gitter am Gehstig in den Keller des Gebäudes gefallen war und die
Katastrophe ausgelöst hatte. Drei Jahre dauerte die nach Plänen von
Erich Boltenstern durchgeführte Renovierung, wobei der Saal nicht mehr in
seiner ursprünglichen Form instandgesetzt, sondern in einen Innenhof ungestaltet
wurde.
Heute wickelt die Wiener Börse AG ihre Geschäfte im 1. Bezirk, in der
Wallnerstraße 8 ab.
Umfassende Info über
die Tätigkeiten der Börse: