Die Ringstraße
"Ich fahre in die Stadt",
sagt der Wiener, der sich außerhalb der Ringstraße, aber innerhalb
von Wien befindet und meint damit, daß er sich in den 1. Bezirk begibt.
- "Wieso?" fragt sich der Fremde. "Er ist doch in der Stadt!"
Vielleicht hat sich dieser bekannte Satz aus jener Zeit erhalten, als ein Besuch
in der Inneren Stadt noch mit einer Art "Grenzübertritt" verbunden
war, denn der 1. Bezirk war bis Mitte des 19. Jahrhunderts, zu einem Zeitpunkt,
wo die heutigen Bezirke zwischen Ring und Gürtel bereits zu Wien gehörten,
immer noch von Basteien, Glacis, Stadtgraben und -mauern sowie anderen militärischen
Anlagen umgeben.
Die kaiserlichen Verfügungen von 1857 und
1858
Am 25. Dezember 1857 überraschte die amtliche "Wiener Zeitung"
die Bevölkerung mit dem Abdruck des Schreibens Kaiser Franz Josefs an Freiherrn
von Bach, den Minister des Inneren, in dem er seine Stadterweiterungspläne
- hier in stark gekürzter Form wiedergegeben - bekanntgab.
"Lieber Freiherr von Bach!
Es ist Mein Wille, daß die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht
auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst
in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulirung und Verschönerung
Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige
Ich die Auflassung der Umwallung und der Fortifikationen der inneren Stadt sowie
der Gräben um dieselbe. (...)
Auf die Herstellung öffentlicher Gebäude, namentlich eines neuen General-Kommando's,
einer Stadt-Kommandantur, eines Opernhauses, eines Reichsarchives, einer Bibliothek,
eines Stadt-Hauses, dann der nöthigen Gebäude für Museen und Galerien
ist Bedacht zu nehmen. (...)
Sonst aber soll im Anschluß an den Quai längs dem Donaukanal rings
um die innere Stadt ein Gürtel in der Breite von mindestens vierzig Klafter,
bestehend aus einer Fahrstraße mit Fuß- und Reitwegen zu beiden Seiten,
auf dem Glacisgrunde in der Art angelegt werden, daß dieser Gürtel
eine angemessene Einfassung von Gebäuden abwechselnd mit freien zu Gartenanlagen
bestimmten Plätzen erhalte. (...)"
Der Burggarten, das Burgtor, den Volksgarten samt Theseus-Tempel gab es schon
und die Votivkirche befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Bau.

Laut kaiserlicher Anordnung sollten also die inzwischen nutzlosen Stadtmauern
niedergerissen werden und der Ring zur Paradestraße umgebaut werden. Dbei
sollte auch die freie Fläche außerhalb der Stadtmauern, das sog. "Glacis"
mit einbezogen werden, auf dem es bis dahin nicht erlaubt war zu bauen, da man
freie Sicht auf eventuell anstürmende Feinde haben wollte.
Also schrieb man einen Wettbewerb aus, worauf unzählige Vorschläge und
Entwürfe einlangten.
Einer der 426 Bewerber riet, den Stadtgraben nicht zu verschütten, sondern
einzuwölben. Dieser rings um die Innenstadt führende Riesentunnel sollte
in der Mitte eine zweigleisige Bahn für Schienenfuhrwerke und an den Seiten
mit Ausnützung der vorhandenen Kasemattenräume Markhallen und Magazine
enthalten. 130 Jahre später wurde sein Vorschlag verwirklicht: Heute fährt
dort die U-Bahn.
Ein anderer hatte den Einfall, ein slawisches, ungarisches, italienisches und
griechisches Viertel zu schaffen. Auch daraus wurde damals nichts.
Am 15. Dezember 1858 gab der Kaiser eine neue Direktive heraus:
Am äußeren Burgplatz, zur Hofgartenseite hin, sollte ein Gebäude
für die Hofappartements entstehen und auf der Seite des Volksgartens die
Hofbibliothek. Die neue Oper sollte rechts vom Kärntnertor erbaut werden,
das Schauspielhaus ungefähr an der Stelle des Paradiesgärtchens. Der
Raum gegenüber dem Hofgarten wurde für ein Naturhistorisches und Kunsthitorisches
Museum bestimmt, während das neue Stadthaus rechts vom Schottentor errichtet
werden sollte, dem Ausgangspunkt der neuen Hauptverkehrswege. Für den Universitätsbau
wurde ein Platz in der Nähe der Votivkirche festgesetzt, deren Errichtung
schon vor der geplanten Stadterweiterung beschlossen wurde. Die Unterbringung
des Reichsarchivs durfte im Gebäude, das für die Hofbibliothek vorgesehen
war, erfolgen. Die Markthallen sollten unter teilweiser Miteinbeziehung des Stadtgrabenareals
in der Weise verteilt werden, daß zwischen Defensivkaserne und Donaukanal
zwei und zwischen Karolinen- und Stubentor drei errichtet werden.
Trotz allen Bestrebungen, den 1. Bezirk zu öffnen und mit den Vorstädten
zu verbinden, wurde vom Kaiser aber auch gefordert, "daß die Anlage
der Ringstraße besonders auf die militärische Strategie Rücksicht
zu nehmen habe".
Der Bogen der Ringstraße wurde daher an seiner Sehne, dem Donaukanal, zwischen
zwei festungsartige Kasernenanlagen (Franz-Josephs- und Roßauer-Kaserne)
eingespannt, deren Vorfeld nicht verbaut werden durfte, um es im Fall eines Ansturms
rebellierender Menschenmassen aus den Vorstädten mit flankierendem Feuer
belegen zu können. Aus dem gleichen Grund sollten auch zwei "Ringstraßenforts"
inmitten der Fahrbahn beim Schwarzenbergplatz und dem Schottentor errichtet werden,
welche aber nie gebaut wurden. Zur Sicherung des Burgbereiches wurde das heute
noch bestehende hohe Eisengitter zwischen Goethe-Denkmal und Burgtheater errichtet.
Finanzierung
Der Kaiser verordnete:
"Jener Teil, der durch die Auflassung der Fortifikationen gewonnen Area und
Glacisgründe, der nicht einer anderwertigen Bestimmung vorbehalten wird,
ist als Baugrund zu verwenden und der daraus gewonnene Erlös hat zur Bildung
eines Baufonds zu dienen, aus welchem die dem Staatsschatz erwachsenden Auslagen,
insbesondere auch die Kosten der Herstellung der öffentlichen Gebäude,
bestritten werden sollen."
So sollte der Ringstraßenbau finanziert werden.
Der Preis der Grundstücke war sehr hoch - bis zu 775 Gulden pro Quadratklafter.
Die Käufer waren verpflichtet, innerhalb eines Jahres mit dem Bau eines vollständigen
Wohnhauses zu beginnen und es in spätestens vier Jahren zu vollenden. Und
die Ausgestaltung der Gebäude sollte dem Standort würdig sein.
Kein Wunder, daß sich die Leute aufgrund dieser schwer realisierbaren Auflagen
und der damit verbundenen hohen Kosten nicht darum rissen, an der Ringstraße
zu bauen.
1859 wurden mit einer neuen Bauordnung einige Zuckerl vergeben, u.a. Steuerfreiheit
bei Neubauten bis zu 30 Jahren. Manchmal kam zur Baugenehmigung auch ein Adelstitel
hinzu.
Das vermögende Bürgertum fühlte sich nun verpflichtet, die angeordnete
Stadterweiterung zu fördern und begann, nicht zuletzt dem Monarchen zuliebe,
um dessen Gnade zu erhalten oder zu gewinnen, an den Ufern der Ringstraße
zu bauen.
Die erste Bauphase
Die Abbucharbeiten der Befestigungsanlagen wurde im März 1858 in Angriff
genommen, der Baubeginn der Ringstraße mit 29. Februar 1864 datiert.
In der Presse sowie in der Bevölkerung war der Ringstraßenbau fortan
ein vielbesprochenes Thema. Sogar Johann Strauß widmete ihm ein Werk: "Die
Demolierpolka".
1862 wurde der Stadtpark eröffnet, 1863 erfolgte die Grundsteinlegung der
Oper.
Trotz dreier Kriege war die Ringstraße in 7 Jahren vollendet und konnte
von Kaiser Franz Joseph am 1. Mai 1865 eröffnet werden. Die Baukosten bis
zur Eröffnung betrugen 1.294.000 fl, wobei alleine für die Bepflanzung
80.000 fl aufgewendet wurden.
Erst 10 Jahre nach der Ringstraßeneröffnung und später begann
man mit dem Großteil der Prunkbauten wie Parlament,
Universität, Burgtheater,
PSK, Regierungsgebäude
und Neuer Hofburg.