-RINGSTRASSE


Kunsthistorisches und Naturhistorisches Museum

Naturhistorisches MuseumWelches Erlebnis, Dinge, die man bisher nur von Bildern oder vom Hörensagen gekannt hat, als kleiner Bub zum erstenmal "in Wirklichkeit" zu sehen! Aber am schönsten war doch das ganz Große (Ein Walfisch! Ein Hai! Ein Gorilla! Ein Krokodil!), und nur manchmal das ganz Kleine: ein Kolibri! Die Leblosigkeit störte nicht.

Weil es gerade regnet, verirrt man sich 30 Jahre später ins Naturhistorische Museum (diese Konservenbüchse der Jahrtausende). Man stellt fest, daß die Beschriftungen zum größten Teil noch k.-k.-veraltet sind, daß hier etwas "vertheilt" und dort etwas "roth" ist, und daß diese Säle sich in nichts vom Interieur des "Alten K. K. Mineralien-Cabinets" unterscheiden.

Gelangweilt betrachtet man fossile Reste, ärgert sich über die langweilig trockene Anordnung aller Schaustücke, belächelt die diversen goldgerahmten Vulkanausbrüche diverser akademinscher Maler, begibt sich rascheren Schrittes vorbei an nachgemachten oder echten Skeletten, vorbei an der Fauna des Mesozoikums, des Kaenozoikums, am Iguanodon und Dinotherium bavaricum. Denn auf die Dauer bedrückt diese Mischung aus Glasscheiben, Knochenscherben und Gipsattrappen, aus Staub und Zwielicht, und selbst das adelige Nashorn von Hundsheim vermag nicht mehr zu interessieren. Man flieht aus dieser abgenagten Welt in die Säle, die dem frühgeschichtlichen Wirken des Menschen gewidmet sind und hat nun viel Gelegenheit zu vergleichender Betrachtung mit der Originalität modernen Kunstgewerbes. Oder bleibt man nur deshalb länger, weil es hier so viel zu lesen gibt? Brandgrab 783; Brandgrab 1015; Gräberfeld Hallstatt, 900 - 400 v. Chr; La-Tène-Zeit.

Dann das Dinosaurierskelett, flankiert von einer abgenagten und einer nachgemachten Elefantenrobbe. "Diplodocus Carnegiei Hatscher, Sr. Kais. u. Kön. Apostolischen Majestät von Dr. Andrew Carnegie gewidmet, 1909", steht hinten drauf. Die Apostolische Majestät, "aus Meerschaum, unter Wasser bearbeitet", findet man woanders.

Die Riesenkrabben, gleich hinter der nächsten Saaltür, sehen vertrocknet aus. Die Spinnen und das vereinigte Darmgewürm, ausgelaugt und gequollen, sind nur mehr ekelhaft, die Heuschrecken, die Wanzen, die Käfer und Schmetterlinge sind farblos und spöd und nur noch gestorben. "Agathemera crassa Blanch. Männchen, Weibchen. Läuft auf der Erde herum und stinkt sehr stark. Südliches Südamerika."
Die 60fach vergrößerte Stubenfliege hat die Maße eines mittleren Hundes und sieht aus wie ein avantgardistisches Experiment. In Spiritus eingelegte Haifische, ausgestopfte Haifische und ein abgenagter Haifisch. Nichts mehr von Kindheitseindrücken.

Aber da läuft ein kleiner Junge herein, den Zeigefinger ausgestreckt, aufgeregt und mit glänzenden Augen: "Schau Mutti! Die vielen Fische! Da! Ein Haifisch!"
Es ist ja doch alles noch so, wie man es selbst als kleiner Bub erlebt hat.
Draußen hat der Regen aufgehört. Der Himmel ist heller geworden. Die ersten Schritte auf dem Sandboden sind beinahe anders als gewöhnlich.


Nach: Friedrich Polakovics in: Wien von A - Z, Wiener Verlag 1953.



Kunsthistorisches MuseumBereits im ersten Stadterweiterungsplan war der Bau von zwei Museen vorgesehen, um die kostbaren Sammlungen des Kaiserhauses in einem würdigen Rahmen aufzustellen. Über die vorgelegten Pläne aus dem ersten Wettbewerb konnte man sich nicht einigen, auch ein zweiter Wettbewerb führte zu keinem Resultat. Also wurde Gottfried Semper um ein Gutachten gebeten, worauf dieser anregte, zuerst das gesamte (allerdings nie gebaute) Kaiserforum zu planen. Der Kaiser stimmte mit der Auflage zu, daß Semper mit einem Wiener Architekten zusammenarbeiten solle. Semper entschied sich für Karl Hasenauer, den er wegen seiner dekorativen Begabung schätzte.

Die beiden den Maria-Theresien-Platz flankierenden Gebäude wurden 1872 - 1881 im Stil der italienischen Renaissance errichtet. Semper war für die Außenarchitektur und Hasenauer für die Innengestaltung zuständig. Bis die Innenarbeiten abgeschlossen waren, dauerte es weitere zehn Jahre. Erst 1891 konnten die Gebäude ihrer Bestimmung übergeben werden.