-SAGEN

Das Agnesbrünnl

Im Wald am Hermannskogel lebte ein Kohlenbrenner, der aus Holz Braunkohle erzeugte. Er hatte schon lange vor, die alte Eiche zu fällen, doch der Baum war so schön gewachsen, daß er es nicht über's Herz brachte. So zog er auch an diesem Tag weiter, um einen anderen auszuwählen.

Plötzlich stand eine weißgekleidete Fee vor ihm.
"Ich danke dir, daß du meinen Lieblingsbaum verschont hast", sagte sie zu ihm. "Dafür sollst du belohnt werden. Hier in der Nähe wirst du etwas finden. Nimm es mit nach Hause und das Glück wird dich nicht mehr verlassen", erklärte sie und verschwand.

Der Mann setzte seinen Weg fort. Bald hörte er Kinderweinen, dem er nachging. In einem Gebüsch entdeckte er ein kleines Mädchen. Er hob es hoch und trug es schnell nach Hause.

Seine Frau war recht erstaunt, als er mit einem Kind nach Hause kam, das er behalten wollte. Doch als er ihr alles erzählt hatte, stimmte sie zu, das Findelkind genauso liebevoll aufzuziehen wie ihren eigenen Sohn Karl.
Im Tarum erschien die Fee dem Mann ein zweites Mal. "Das Mädchen ist meine Tochter", erzählte sie ihm. "Ihr Name ist Agnes. Sie wird dir Glück bringen!"

So blieb Agnes bei der Köhlerfamilie und wuchs zu einem hübschen Mädchen heran. Sie vertrug sich gut mit Karl. Die beiden waren bald nicht mehr ohne den anderen anzutreffen. Das ganz Besondere aber war, daß sich jedes Holzstück, welches Agnes berührte, sofort zu Gold verwandelte. Nun waren die Köhler reiche Leute und bauten sich neben der schönen Eiche ein prächtiges Haus.

Agnes und Karl beschlossen zu heiraten. Kurz vor der Hochzeit erschien die Fee dem Karl im Schlaf.
"Morgen früh wirst du bei der Eiche ein schmuckes Pferd vorfinden, daneben eine silberne Rüstung. Lege sie an, besteige dein Stretroß und ziehe ins Heilige Land. Als gefeierter Kreuzritter wirst du wiederkehren."

Die Sonne trat eben erst hervor, da lief Karl zur Eiche. Es war alles so, wie die Fee es vorhergesagt hatte. Karl legte die Rüstung an, verabschiedete sich von seiner Famile, versprach Agnes, sie sofort zu heiraten, wenn er zurückkäme und ritt nach Wien, um sich dem Heer anzuschließen.

Agnes war fassungslos. So kurz vor der Hochzeit verließ sie ihr Bräutigam.
Sie wartete voller Ungeduld, Jahr für Jahr, doch Karl kehrte nicht heim. Weit weg im fremden Land hatte er ein Mädchen kennengelernt, das er liebte, und Agnes war alsbald vergessen.

Erst nach vier Jahren kehrte er heim. Seine Wiedersehensfreude hielt sich in Grenzen. Es schien Agnes, als ginge er ihr aus dem Weg und würde ihrem Blick ausweichen. Von dem Mädchen zur Rede gestellt, fand er aber nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen.
"Ich muß noch einmal fort", erklärte er ihr. "Aber wenn ich dann komme, wird sofort geheiratet. Das verspreche ich dir!"
Die Lüge war kaum ausgesprochen, da rumpelte die Erde und mit riesigem Getöse tat sich eine Erdspalte auf, die Karl, Agnes, seine Eltern und das große Haus verschlang. Zurück blieb eine tiefe Grube, der eine Quelle entsprang, welche die Bodensenke schnell mit Wasser füllte.

Die Wiener waren erstaunt, als sie das Haus nicht mehr vorfanden und nannten die Quelle das "Agnesbrünnl". Sie glaubten, daß das Wasser Heilkräfte besäße und tranken das Wasser, um jung und gesund zu bleiben. Die wildesten Geschichten kursierten, auch jene, daß der untreue Karl des Nachts durch den Wald streifen würde und Geld an Bedürftige verschenkt, um seine Schuld zu sühnen.

Davon hörte auch eine arme Frau, die bittere Not litt. In ihrer Verzweiflung entschloß sie sich, mit ihrer kleinen Tochter in den Wald zu gehen und in der Nacht auf den Karl zu warten. Sie setzte sich in der Nähe des Agnesbrünnls auf einen Baumstumpf und wachte, während das Mädchen in ihren Armen schlief. Als sie in der Ferne ganz leise Mitternacht schlagen hörte, sah sie einen Ritter in silbener Rüstung auf sie zukommen.
"Was suchst du hier?" fragte er sie streng.
"Holz", antwortete die Frau, die sich schämte, ihre Armut zuzugeben.
Da brach der Ritter ein Stück Holz von einem Baum und reichte es der Frau mit den Worten: "Da hast du Holz. Jetzt geh' heim!"

Die Frau packte die Angst. Sie steckte das Holz in die Tasche und lief mit ihrem Kind los, so schnell sie ihre Beine tragen konnten. Völlig außer Atem und schweißgebadet kam sie zu Hause an. Nie wieder, schwor sie sich, würde sie im finsteren Wald übernachten und auf Karl warten.

Als sie am nächsten Morgen in die Tasche griff, hatte sie das Stück Holz in der Hand. Aber - es war zu purem Gold geworden. Die Frau begab sich noch oft zum Agnesbrünnl und durchwachte dort somanche Nacht. Dem großzügigen Ritter ist sie allerdings nie wieder begegnet.