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Der
Basilisk
Große Aufruhr herrscht gegen Ende der
Nacht im Juni des Jahres 1212 im Haus des habgierigen, jähzornigen Bäckermeisters
Garhibl in der Schönlaterngasse 7. Kathrin sollte Wasser aus dem Brunnen
holen. Nun steht sie da und stammelt etwas von einem Untier, das sie am Grund
des Brunnens gesehen haben will, von bestialischem Gestank, der von unten heraufsteigt,
und von seltsamen Geräuschen, die sie gehört haben will.
Meister Garhibl ist wütend über die vermeintlichen Phantasien des Mädchens.
Doch auch er kann nicht leugnen, daß ihm ein unangenehmer Geruch in die
Nase steigt.
"Ich schau nach", meint Geselle Heinrich, greift sich eine Pechfackel,
läßt sich an ein Seil binden - das der Garhibl und der andere Geselle,
der Hans, halten - und steigt in den Brunnen hinab.
Plötzlich schreit er, daß es einem durch Mark und Bein geht. Das Licht
im Brunnen verlöscht. Schnell zieht man ihn herauf. Er ist ohnmächtig.
Sie öffnen ihm das Hemd und fächeln ihm Luft zu. Endlich erwacht er.
"Ein Untier", stammelt er. "Scheußlich! ... den Kopf vom
Hahn ... den Leib von der Kröte ... den Schwanz soooo lang und schuppig ...
und es trägt eine Krone mit leuchtend roten Edelsteinen ... und stinkt!!!"
Sie glauben ihm - der Garhibl, die Garhiblerin, die Kathi und der Hans.
"Jo wos tan ma denn do?" fragt die Kathrin schaudernd.
Der Meister weiß Rat und schickt sie los, um den Stadtrichter zu holen.
Es dauert wohl eine Stunde, bis er, der ehrenwerte Herr Jakob von der Hülben,
eskortiert von der Scharwache und von zahllosen Schaulustigen beim Bäckermeister
eintrifft. Dankbar und erleichtert berichtet ihm der Meister, was geschehen ist.
Der Stadtrichter überlegt ratlos. Da tritt ein Mann aus der Menge hervor
- ein Studierter, ein Doktor und in allen Naturerscheinungen bestens bewandert.
"Da
unten sitzt ein Basilisk", erklärt er.
"A Basilisk?" fragt die Kathi. "Wos is'n des?"
"Wenn ein Hahn ein Ei legt", spricht der Mann weiter, "und das
Ei von einer Kröte ausgebrütet und das Junge dann von einer Schlange
aufgezogen wird, dann entsteht dieses Untier. Sein Atem stinkt nach Verwesung
und sein Anblick ist abgrundtief häßlich. Wer es ansieht, ist dem Tod
geweiht. Kein Speer, kein Schwert, keine Lanze, ja nicht einmal Feuer können
dem Basilisken etwas anhaben."
"Ah wui!" sagt die Kathi leise.
Der Stadtrichter, die Bäckersleute
und das staunende Volk sind entsetzt.
"Gibt's nicht irgendwas, was das Untier vernichtet?" fragt Meister Garhibl,
der sich bereits gezwungen sieht, Haus, Hof und Backstube wegen diesem Basilisken
aufzugeben.
"Doch, doch", antwortet der Gelehrte. "Einer muß sich hinunter
wagen und dem Tier einen Spiegel vorhalten, auf daß es bei seinem eigenen
Anblick zerplatzt."
Totenstille herrscht. Verlegen blicken die Männer der Scharwache zu Boden.
Die Menge weicht unmerklich zurück.
"Ich probier's!" ruft der Geselle Hans. Und zum Bäckermeister gewandt
sagt er: "Und wenn ich's schaff', dann krieg ich die Agathe zur Frau."
Garhibl stimmt zu - lieber seine Tochter mit dem Gesellen verheiraten, als Haus
und Hof verlassen müssen.
Schnell
wird der Wandspiegel des Bäckermeisters aus der Stube geholt. Dem Hans wird
noch ein bißchen Wachs in die Ohren gestopft, dann wird er an das Seil gebunden
und in den unheimlichen Brunnen gelassen. Den Spiegel hält er vor sich wie
ein Schild.
Plötzlich ein grauenvoller, herzzereißender Schrei - ausgestoßen
vom Basilisken, der sich zum erstenmal selbst sieht. Dann ein ohrenbetäubender
Knall!
"Hin ist er!" schreit Hans überglücklich von unten herauf.
Wohlbehalten, aber trotz der Ohrpfropfen vorerst ein bißchen schwerhörig,
verläßt Hans unter dem Jubel der Menge den Brunnen. Heinrich stirbt
noch am selben Tag. Der Brunnenschacht wird zugeschüttet. Und der tapfere
Hans hat bald die hübsche Agathe geheiratet.
Noch heute erinnert in der Schönlaterngasse
im 1. Bezirk obige Wandmalerei samt steinernen Basilisken an die Begebenheit.
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