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Die
Dienstbotenmadonna
Im Haus einer reichen adeligen Dame, die
man allseits für fromm und gerecht hält, haben die Dienstboten nichts
zu lachen. In Wahrheit ist sie nämlich gemein und hartherzig. Während
sie selbst nur das Beste vom Besten tafelt, bekommen ihre Knechte und Mägde
nicht einmal die Abfälle. Nichts kann ihr recht gemacht werden und Vergehen
bestraft sie mit grausamer Strenge.
"Meine Brosche!"
Jedem im Haus fährt ihr gellender Schrei durch Mark und Bein.
"Meine Brosche ist verschwunden!"
Mit der Reitgerte in der Hand zieht sie zornig durchs ganze Haus.
"Sucht die Brosche!" kreischt sie. "Die mit dem großen roten
Stein in der Mitte!"
Man sucht eifrigst, durchwühlt alle Laden und Schränke, doch man findet
nichts.
"Die hat sie wahrscheinlich selbst verschlampt", flüstert eine
junge Magd, die erst zwei Wochen im Haus ist, der alten Wäscherin zu - doch
die Dame hat's gehört!
"Du warst es", schreit sie sofort. "Natürlich! Das kannst
nur du gewesen sein. Bevor du im Haus warst, ist hier nie etwas weggekommen!"
Sie läßt die Gerte auf das arme Mädchen niedersausen. Dann packt
sie sie am Arm und zerrt sie auf die Straße, wo sie lautstark nach der Wache
ruft.
Das Mädl aber reißt sich los und läuft zurück ins Haus, schnurstracks
in die Kapelle der edlen Dame, wo sie vor der Muttergottes-Statue niederkniet.
"Heilige Maria, hilf mir!" bittet sie inbrünstig. "I war's
net, i hab's net g'nommen, die depperte Broschn!"
Die Wache ist schnell eingetroffen. Während die Männer sich scheuen,
das verstörte Mädchen vom Altar wegzureißen, hat da die Gröfin
wenig Skrupel. Sie packt die Kleine an den Haaren und schleift sie unter heftigsten
Flüchen und Anschuldigungen aus der Kapelle.
Der Oberleutnant der Wache weiß nicht recht, wem er glauben soll. Deshalb
läßt er von seinen Männern das ganze Haus noch einmal durchsuchen.
Und siehe da - sie findet sich, die Brosche. Im Stiefel des alten Kutschers.
"Also Franz", empört sich die Dame. "So einen Verrat hätte
ich dir nie zugetraut!"
"Ja, Frau Gräfin", erklärt der Franz, und als Dieb überführt
worden zu sein, scheint ihm gar nichts auszumachen. "Irgendwann reicht's
einem. Und wie Ihr unlängst b'soffen von dem Festl nach Haus 'kommen seids,
da habt's die Brosch' verloren, wie's aus der Kutsch'n g'stiegen seid's. Und i
hab ma dacht, wenn's auf ihr Klump net aufpaßt, dann nimm i's halt. Bin
ja nimma der Jüngste. Muß ans Alter denken."
Die Gräfin wird leichenblaß. So hat noch keiner ihrer Dienstboten mit
ihr gesprochen.
"Geh' ma, meine Herrn", sagt da der Franz zu den Wachleuten gewandt.
"Schlimmer wie bei der kann's im Hefn* net werden!"
"Ich
hab ja g'wußt, sie hat's verschlampt", sagt da die kleine Dienstmagd
zur Madonna-Statue hinüber.
"Und du gehst auch gleich!" kreischt die Gräfin und prügelt
das Mädchen mit der Reitgerte aus dem Haus.
Der alte Franz wird verurteilt und kommt ins Gefängnis. Aber dort fühlt
er sich nach all den schlimmen Jahrzehnten, die er bei der grausamen Gräfin
verbracht hat, wie auf Erholungsurlaub. Die junge Magd bekommt eine neue Stelle
bei einer Herrschaft, die ihre Dienstboten besser behandelt.
Die Marienstatue, die das ganze Unrecht mit angesehen hat, muß auf Anweisung
der Gräfin ebenfalls das Haus verlassen. Im Stephansdom findet sie im Langschiff
neben dem Kanzelpfeiler ein neues zu Hause, wo sie fortan von zahlreichen Dienstboten
besucht und um Gerechtigkeit gebeten wird. Bis heute nennt man sie die "Dienstbotenmadonna".
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* Gefängnis
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