-SAGEN

Der dreizehnte Glockenschlag

Die Türken, die 1529 Wien belagert haben, sind abgezogen. Die größte Not der Menschen ist vorbei. Langsam füllen sich abendlich die Wirtsstuben wieder. Auch Arnold de Bruck, kaiserlicher Kapellmeister, gehört zu den Stammgästen eines Weinkellers in der Innenstadt. Es geht bereits auf Mitternacht zu. Der Wirt hat alle Hände voll zu tun, denn seine Gäste wollen heute nicht nach Hause gehen.

Da betritt eine alte Zigeunerin die Gaststube und bietet ihre Dienste als Handleserin an. In ihren ausgetretenen Stiefeln schluft sie von Tisch zu Tisch, doch jeder schickt sie weiter, aus Angst, sie könnte durch eine schlechte Botschaft die gute Laune verderben.

De Bruck's gute Laune ist unerschütterlich, meint er und ruft die Zigeunerin zu sich.
"Erzähl mir meine Zukunft", fordert er sie auf und hält ihr die Hand hin, die sie sofort ergreift und kurz betrachtet.
"Ihr habt eine interessante Hand", sagt sie. "Ein bewegtes Leben, viel Erfolg im Kreise hoher Persönlichkeiten. Ich sehe da sogar den Kaiser. Das ist Eure Herzenslinie, stark und durchgehend, und das Eure Lebenslinie. Sie ..."
Abrupt bricht die Alte ab und will gehen.
"Halt!" ruft de Bruck und hält sie am Arm fest. "Hiergeblieben! Wie geht's weiter? Du hast doch gesagt, du sagst die Zukunft voraus! Was steht in meiner Lebenslinie?"
"Eure Todesstund'", antwortet die Frau leise.
"Und die wäre wann?"
"S' ist besser, Ihr wißt's nicht."
Im Weinkeller ist es still geworden. Alle Blicke sind auf de Bruck und die Wahrsagerin gerichtet.
"Ich will's aber wissen!" drängt der Kapellmeister.
"Na gut", sagt die Wahrsagerin und schaut sich noch einmal ganz genau die Linien in de Brucks Hand an. "Nicht weit von hier werdet Ihr sterben - wenn die Turmuhr zu St. Staphan dreizehn schlägt."
Einen Augenblick sit es still, daß man eine Stecknadel fallen hören könnte, dann bricht tosendes Gelächter aus, das nicht und nicht enden will.
"Wenn die Turmuhr 13 schlägt", prustet de Bruck. "Die Uhr muß erst erfunden werden! Da wird mir ja die Unsterblichkeit erklärt!"
Lachend öffnet er seinen Geldbeutel und schenkt der Frau eine Goldmüne. Sie schaut den Kapellmeister noch einmal mit einem traurigen Blick an, bevor sie sich entfernt und in der Dunkelheit entschwindet.

Einige Zeit später - de Bruck hat den feuchtfröhlichen Abend und die Weissagung längst vergessen - besucht er den Glöckner vom Stephansdom und steigt mit ihm den Turm hinauf. Er liebt den Ausblick, den er von dort über die Dächer Wiens hat und genießt die klare Luft in schwindelnder Höhe.

In diesem Moment fängt die Turmuhr an zu schlagen. Der Kapellmeister hält sich die Ohren zu, um sein feines Gehör zu schützen. Als der zwölfte Schlag verklungen ist, glaubt er, der Türmer hätte ihm etwas zugerufen und dreht sich schnell um. Dabei schlägt sein Säbel heftig gegen die Glocke und bringt sie zum Klingen. Es ist, als schwebt ein dreizehnter Grlockenschlag über die Stadt hinaus.

Nun erinnert er sich wieder der Weissagung. Von Panik erfaßt versucht er, daß dröhnende Erz zum Schweigen zu bringen. Dabei verliert er das Gleichgewicht und stürzt in die Tiefe. Arnold de Bruck ist tot.

Die Botschaft vom seltsamen Tod des Kapellmeisters verbreitet sich schnell. Auch seine Zechkumpane erinnen sich wieder an die Zigeunerin und ihre Prophezeiung, die sich so schnell erfüllt hat. Die Frau bleibt verschwunden und wurde in Wien nie wieder gesehen.