-SAGEN

  Die "Gnad' Gottes" am Kahlenberg

Noch ist der Kahlenberg ein unbewohnter Ausläufer des Wienerwaldes, als ein fremder Bergmann in die Gegend kommt. Die Aussicht auf die Donau gefällt ihm so gut, daß er beschließt, dort ein Haus zu bauen und mit seinem Ersparten den Lebensabend zu genießen.

Zuerst hält ihn der Hausbau in Trab. Als das Gebäude steht und eingerichtet ist, wird ihm die Zeit lang. Er sehnt sich danach, wieder in einem Stollen zu arbeiten.

"Warum denn nicht im Kahlenberg graben?" fragt er sich. "Warum sollen in diesem Berg keine edlen Gesteine zu finden sein? Frisch gewagt ist halb gewonnen! Nur dem Mutigen wird die Gnad' Gottes zuteil!"

Tagelang geht er den Kahlenberg ab, aber er weiß nicht so recht, wo er zu graben anfangen soll.
"Ich bitt dich, Hergott, gib' mir ein Zeichen!" fleht er in seiner Verzweiflung.
Wenig später sieht er einen Strauch, dessen Blätter ganz aus Gold zu sein scheinen. Und in diesem Strauch sitzt, wunderschön anzusehen, die Mutter Maria mit dem Kind im Arm und lächelt ihm zu.
"Danke Herr!" ruft er glücklich aus, sinkt auf die Knie, betet und eilt dann schnell heim, um einen Spaten zu holen und mit dem Graben zu beginnen.

Er arbeitet hart, jeden Tag - außer Sonntags. Da besucht er die Messe. Und jedesmal hören ihn die Menschen leise beten, daß ihn der Herrgott doch endlich etwas finden lassen möge. Nur totes Gestein hätte er bis jetzt zu Tage befördert.

Monate vergehen, bis der Bergmann eines Tages einen Brocken entdeckt, der ganz anders aussieht als all das, was er bisher gefunden hat.
"Gold!" stellt er fest, als er ihn genau prüft. "Ich dank' dir, Herrgott und Maria!"

Von nun an ist der Bergmann der glücklichste Mensch. In seiner Mine ist viel zu finden, und so stellt er ein paar Männer an, die er gut behandelt und gut bezahlt. Er vergißt auch nie auf die Armen in der Gegend, die Alten und die Kranken. Neben seiner Arbeit im Stollen findet er oft genug Zeit, sie zu besuchen und ihnen Speis und Trank mitzubringen.
Bald hat sich am Fuße des Berges ein Dörfchen gebildet - das Kahlenbergerdorf.
Der Bergmann starb wie er lebte: glücklich und zufrieden, geliebt von den Menschen, die mit ihm arbeiteten und lebten.

Um viel Geld ersteht sein Nachfolger die Mine. Er ist ganz anders zu den Arbeitern als der alte Bergmann. Sofort nimmt er Lohnkürzungen vor, verlängert die Arbeitszeit, läßt in Tag- und Nachtschicht fördern und wenn einer der Leute krank wird - so läßt er verlauten - braucht er gar nicht wiederzukommen.

Eines Abends sitzt der neue Bergherr im Gasthaus - wie immer alleine am Tisch, denn keiner will mit ihm plaudern. Da kommt ein alter Mann zur Tür herein, den man noch nie zuvor im Kahlenbergerdorf gesehen hat. Er setzt sich ohne zu fragen zum Bergherrn und erkundigt sich unverblümt nach dem Gang seiner Geschäfte.
"Gut gehen sie", antwortet der Bergherr überheblich. "Wie sollen sie denn auch anders gehen, wenn man die Arbeiter fest in der Hand hat und ab und zu den Knüppel tanzen läßt?"
"Dein Vorgänger brauchte keinen Knüppel. Durch seine Güte waren ihm die Männer treu ergeben und er vertraute stets auf die Gnad' Gottes."
"Papperlapap", entrüstet sich der Mann. "Mit Güte kommt man zu nix! Und wenn kein Gold im Berg ist, nützt die ganze Gnad' Gottes auch nix!"

Erschrocken zucken die Männer an den anderen Tischen zusammen. So böse Worte haben sie schon lange nicht gehört.
"Wenn da nur ka Unglück g'schicht", murmelt einer und bekreuzigt sich schnell.
Der Greis verläßt kopfschüttelnd die Gaststube und auch die anderen Männer hält es nicht mehr neben dem gottlosen Bergherrn.

Dieser schläft am nächsten Morgen noch tief, während seine Leute schon lange in der Mine arbeiten. Aber anders als sonst finden sie heute kein Krümelchen Gold. Nur totes Gestein, in welche Richtung sie auch graben. Als der Bergherr endlich beim Stollen eintrifft, berichtet man ihm, was geschehen ist.

"Die Gnad' Gottes!" ruft er entsetzt. "An ihr hab ich gezweifelt!" Und sinkt tot zu Boden.


Von diesem Moment an findet man im Kahlenberg kein edles Erz mehr. Die Stollen verfallen, die Bergleute wandern ab und suchen sich anderswo Arbeit.