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Der
Heideschuß
1529. Die Belagerung Wiens durch die Türken
ist in vollem Gang. Viele Menschen aus den Vororten haben hinter den schützenden
Stadtmauern Zuflucht gefunden. Noch ist es den Angreifern nicht gelungen, eine
Bresche in die Mauern zu schlagen. Für die Bewohner der Stadt wird das Leben
aber immer schwerer, denn auch der Nachschub von Lebensmitteln bleibt aus.
Eines Tages gelingt es einem Überläufer, zum Stadtkommandanten vorzudringen.
Er berichtet, daß die Türken planen, unterirdische Gänge zu graben,
diese mit Pulver zu sprengen, um so in die Stadt einzudringen.
Sogleich werden Gegenmaßnahmen veranlaßt. In allen Häusern entlang
der Stadtmauern werden in den Kellern mit Wasser gefüllte Bottiche aufgestellt
sowie Trommeln, auf deren Fellbespannung kleine Würfel gelegt werden. Die
Bewohner sind angewiesen, permanent darauf zu achten, ob sich die Wasseroberfläche
kräuselt oder sich die Würfel bewegen, da man hofft, auf diese Art Grabungsarbeiten
der Türken feststellen zu können.
"Jetzt soll' ma a no auf die Würfel schau'n", beschwert sich Josef,
der Geselle des Bäckermeisters Schulz, bei seinem Dienstherren. "Als
ob ma net scho genug zu tun hätten, um all die Zuag'rasten* mit Brot zu versorg'n."
"Gib a Ruh, Josef", sagt der Meister. "Mir steht die Trommel a
im Weg umadum. Aber so gut wie jetzt is des G'schäft noch nie 'gangen. Schau
ma halt ab und zu auf die Würferl, damit ma da Obrigkeit Genüge tun
und ansonsten pack ma's an, daß die Leut' was z'essen hab'n."
Josef, der sich zuerst noch über die lästige zusätzliche Aufgabe
beschwert hat, interessieren die Würfel alsbald mehr als das Brot im Ofen,
das er fast verbrennen läßt und dafür heftig vom Meister gescholten
wird.
"Deppata, paß do' auf! Wir moch'n kane Backstana!"
"Tschuldigung", meint Josef kleinlaut. "I hab glaubt, die Würfel
hupf'n a bisserl."
"Bleda Bua!" ruft der Meister. "Glaubst wirklich, die Türk'n
grab'n sich grad durch unsere Backstub'n durch!"
Josef lassen die Würfel nun nicht mehr los. Immer wieder muß er hinschauen.
Mit seiner Arbeit kommt er bald gar nicht mehr voran.
"Meister! Die hupf'n!" ruft er plötzlich aus, läuft zur Trommel
und schaut ganz genau. "Jo, wirklich!"
Nun wird auch Schulz neugierig und kommt hinzu.
"Recht hast, Josef, die hupf'n!" meint er. "Renn' los und hol'
die Wach', aber schnö!"
Josef rennt, was seine Beine hergeben. Schon bald kommt er mit einem Wachmann
zurück, der es gar nicht fassen kann, daß sich die Türken schon
so weit vorgegraben haben sollen. Aber auch er muß zugeben, daß die
Würfel "hupf'n".
Er veranlaßt, daß vom Keller des Bäckers ein Gegenstollen gegraben
wird. Bereits nach kurzer Zeit trifft man auf den feindlichen Minengang und auf
einige überraschte Türken, die leicht zu überwältigen sind.
Der Stollen, der bereits eine ansehnliche Menge Pulver enthält, wird wieder
zugeschüttet.
Durch die Aufmerksamkeit des jungen Gesellen wurde die Stadt Wien vor großem
Unheil bewahrt und das Haus des Bäckermeisters in der Freyung an der Ecke
der heutigen Strauchgasse wird von da an "Der Heidenschuß" genannt.
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* Zugereisten
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