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Die
Lichtsäule in Penzing
Als
die Menschen in den Vororten erfahren, daß sich die Türken auf Wien
zubewegen, packen sie hastig die wichtigsten Habseligkeiten zusammen und machen
sich auf, um sich in den Wäldern zu verstecken. So auch der Schuster Rottaler
mit seiner Frau und seinem Sohn Michael, der ihnen nachläuft und die Ziege
führt.
Der kleine Bub hat schon viel von den Türken gehört, doch wirklich vorstellen
kann er sich keinen. Immer wieder blickt er sich um, um vielleicht doch etwas
von ihnen zu sehen. Mehr und mehr fällt er zurück, bis plötzlich
die Eltern und die anderen Dörfler weit voraus verschwunden sind.
Michael schaut hinunter auf Penzing. Da sieht er die kleine Kirche mit ihrem Turm.
Von dort aus müßte man einen guten Ausblick haben, denkt er sich. Er
zögert nicht und läuft den Weg, die Ziege hinter sich herzerrend, zurück.
Bei der Kirche angekommen, bindet er das Tier ans Friedhofstor, steigt die steile
Holztreppe hinauf und beugt sich in der Glöcknerstube aus dem kleinen Ostfenster.
Er braucht nicht lange zu warten. Zuerst entdeckt er die Staubwolke, dann kann
er schon ihre Gestalten erkennen. Worte einer fremden Sprache dringen an sein
Ohr, Hufgetrappel und Waffenklirren. Sie sehen wilder und kriegerischer aus, als
Michael es sich in seinen kühnsten Vorstellungen ausgemalt hat.
Plötzlich fällt ihm die Ziege ein! Sie würden sie finden und mitnehmen.
Sein Vater wäre furchtbar zornig. Schnell springt er die Treppe hinab, läuft
zur Ziege und bindet sie los. Schon tauchen die Tartaren von Hietzing her auf.
Die Ziege reißt sich los und läuft davon. Michael läuft auch.
Er versteckt sich in einem Haus hinter dem gemauerten Herd. Da hört er die
Türken rumoren. Sie treten Türen ein, zerschlagen Scheiben und legen
überall Feuer! Hier kann er nicht bleiben. Durch ein Kammerfenster springt
er in den Garten, über eine Mauer zurück zur Kirche. Aber wo soll er
sich verstecken?
Geduckt schleicht er über den Friedhof, jeden Grabstein und jedes Kreuz als
Deckung nützend. Plötzlich sieht er die Lichtsäule mit ihrer schmalen
Öffnung. Vor dieser Säule stellten die Menschen Kerzen für die
Seelen der Verstorbenen hin. Heute stehen hier keine Kerzen - heute brennt der
ganze Ort.
Einen halben Tag und eine ganze Nacht sitzt Michael im engen Hohlraum des Säulenschaftes
und betet zu Gott und Maria, daß ihn die Türken nicht finden mögen.
Erst als es draußen ganz still geworden ist, wagt er sich hinaus. Von den
Türken ist nichts mehr zu sehen, der Ort ist jedoch völlig zerstört.
Das Kirchlein ist geschändet, die Häuser sind eingeäschert, die
Gärten verwüstet.
Michael ist heilfroh, als er den Schmied erblickt, der nach Penzing gewandert
ist, um nachzusehen, wie es um den Ort steht. Er bringt den Buben zu seinen Eltern
zurück, die ihn überglücklich in die Arme schließen.
Die Ziege bleibt allerdings verschwunden. Aber diesen Verlust verschmerzt der
Schuster gerne - hat er doch seinen Sohn unbeschadet wieder.
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