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Die
Linde bei St. Stephan
Als der junge Pfarrer Eberhard das Stephanskirchlein
übernimmt, ist vom Dombau noch lange keine Rede. Zur Verschönerung des
Friedhofs pflanzt er einige Bäume, darunter eine Linde, die so prächtig
gedeiht und blüht, daß er seine helle Freude an dem Baum hat.
Als der Friedhof zu klein wird, beschließt man seine Erweiterung.
"Die Bäume müssen weg", entscheidet der Stadtplaner.
"Alle könnt ihr fällen", ruft Pfarrer Eberhard, "nur
meine Linde nicht!"
"Die kommt auch weg!"
"Bitte!"
Eberhard blickt so flehentlich in die Runde der Stdtväter, daß sie
ihm, der sich immer aufopfernd um die Menschen in der Gemeinde gekümmert
hat, den Gefallen erweisen.
Die Jahre gehen ins Land. Aus der kleinen Linde ist ein mächtiger Baum geworden,
der jedes Frühjahr die Menschen mit dem Duft seiner Blütenpracht erfreut
und jeden Sommer den Friedhofsbesuchern labenden Schatten spendet.
Aus dem jungen Pfarrer ist ein greiser Pfarrer geworden, dessen Lebensabend zu
Ende geht. Hochbetagt liegt er im Kreise seiner Freunde, die sich trotz winterlicher
Eiseskälte bei ihm eingefunden haben, auf dem Sterbebett.
"Ich will noch einmal meine Linde sehen", reißt er die Frommen
in der Stube plötzlich aus dem Gebet. "Ich möchte noch einmal den
Duft der Blüten riechen und den Anblick des blühenden Baumes genießen!"
Und versucht, sich aus dem Bett zu rappeln.
"Hochwürden, es ist tiefster Winter", versucht man ihm zu erklären.
"Die Linde blüht jetzt nicht."
"Ich möchte sie sehen!"
Tief ergriffen über den letzten Wunsch den Pfarrers greift man ihm unter
die Arme und führt ihn behutsam zum Fenster, das die Haushälterin mit
Tränen in den Augen trotz klirrendem Frost schnell geöffnet hat.
Als sie mit dem Pfarrer das Fenster erreicht haben, kommen sie aus dem Staunen
nicht heraus. Die Augen des alten Eberhard leuchten. Mitten im tief verschneiten
Friedhof steht die große Linde, über und über mit Blüten
übersät, deren Duft zum Fenster hereinweht und die Sinne betört.
Da reißt die Wolkendecke auf und die Sonne bricht hervor.
Überwältigt von diesem Anblick sinken sie in die Knie und beten. Dann
bringen sie den Sterbenden ins Bett zurück, wo er sich mit einem Lächeln
auf den Lippen zurücklegt und für immer die Augen schließt.
In diesem Moment weht ein warmer Windstoß tausende Lindenblüten zum
Fenster herein und bedeckt mit ihnen das Sterbelager des Pfarrers.
Als die Haushälterin das Fenster schließt, steht die Linde wieder kahl
und frosterstarrt wie in tiefer Trauer inmitten des dick verschneiten Friedhofs.
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