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Meister
Hans Puchsbaum
Mehr als 100 Jahre arbeitet man schon am
Stephansdom, das Langhaus ist fertig und der Süd-Turm ragt in schlanker Schönheit
in den Himmel. Es fehlt nur noch der Nord-Turm.
Baumeister Hans Prachatitz ist müde. Die Arbeiten haben seine ganze Kraft
gekostet. Die Stadtväter werden bereits ungeduldig und drängen auf die
Fertigstellung.
So kommt ihm dieser Hans Puchsbaum gerade recht. Der junge Kerl hat eine ganze
Menge drauf. Die Zeichnungen und Entwürfe, die er vorlegt, gefallen ihm.
Auch die handwerkliche Arbeit erledigt er schnell und gewissenhaft. Kurzerhand
macht er ihn zu seinem Gesellen.
Als sein engster Mitarbeiter, zu dem er sich schnell entwickelt, bleibt es nicht
aus, daß der Puchsbaum den Meister Prachatitz auch zu Hause besucht, wo
er dessen fesche Tochter Maria kennenlernt. Die beiden verlieben sich ineinander
und dem Vater bleibt dies nicht verborgen.
Eines Tages wird Puchsbaum bei ihm vorstellig und hält doch tatsächlich
um die Hand seiner Tochter an.
"So schnell geht's nicht", meint Prachatitz zünisch. "Ich
will als Schwiegersohn den besten Baumeister von Wien!"
"Das bin ich doch", erwidert Puchsbaum. "Hab's nur noch nicht beweisen
können."
"Beweisen willst es?" lacht der Meister. "Gut! Bau den Nord-Turm.
Ein Jahr hast Zeit, auf den Tag genau. Dann geb ich dir's Töchterl zur Frau."
"Aber ...", stammelt der Geselle und erblaßt. "... Meister
... Ihr habt vier Jahr' für den Nord-Turm gebraucht! Wie soll ich's da in
einem schaffen?"
"Das ist jetzt deine Sach'", lacht der Prachatitz. "Du hast den
Süd-Turm als Muster. Da ist es doch ein Leichtes, den im Norden schneller
zu bauen. Und die Maria wirst so lange nicht sehen, bis das Jahr vorbei ist und
der Turm steht!"
Für Prachatitz ist damit die Sache erledigt. Er setzt Puchsbaum kurzerhand
vor die Tür.
"Puchsbaum! He, Puchsbaum! Wach auf!"
Hans schreckt hoch. "Was ist?" fragt er schlaftrunken und sieht sich
um.
Da steht doch einer in der Stube!
"Du Lump!" schreit Hans. "Wie kommst hier rein? Was willst?"
Die Gestalt tritt näher, erdreistet sich sogar und zündet die Kerze
an. Der Mann ist edel gekleidet, sieht gut aus, humpelt aber ein wenig.
"Nichts Böses will ich dir tun", sagt der Fremde. "Ich werd'
dir zu deinem Mädl verhelfen."
Im Kerzenschein bemerkt Hans, daß der elegante Fremde nur einen Stiefel
trägt. Unter dem anderen Hosenbein lugt ein Pferdefuß hervor.
"Mein Gott, der Deibel!" entfährt es ihm. "Spinn ich? Träum
ich?"
"Beruhige dich", sagt der Fremde. "Der Teufel, der Höllenfürst,
der Satan - ich hab viele Namen. Das tut nichts zur Sache. Wir machen einen kleinen
Handel und du bekommst dein Mädel. Ist das ein Angebot?"
"Jaja, das kenn ich schon! Du willst meine Seele!"
"Aber gar nicht", beschwichtigt ihn der Teufel. "Ich will nur,
daß du ein Jahr lang weder den Namen Gottes, noch der Jungrau, noch eines
anderen Heiligen aussprichst. Das ist alles."
"Dann kann ich ja nicht einmal in die heilige Messe gehen", überlegt
Hans.
"Aber ja. Mußt ja nicht sprechen. Bete in Gedanken - wenn'st unbedingt
beten willst!"
Diese Auflage erscheint dem Hans durchaus akzeptabel. Er willigt ein.
Als die Sonne schon am Himmel steht, erwacht der Hans. Sofort fällt ihm der
Fremde mit dem Huf ein. Hat er geträumt? Er ist sich nicht sicher. Wie auch
immer, den Nord-Turm soll er bauen! Schnell läuft er zur Baustelle und beginnt,
das Unmögliche zu überdenken und zu organisieren. Was er anpackt, läuft
wie am Schnürchen. Gerüste werden aufgestellt und die Arbeiter, die
er neu eingestellt hat, legen sich anständig ins Zeug. Trotzdem würde
er die Frist nicht einhalten können.
"Ich laß sie Tag und Nacht arbeiten!" kommt es ihm.
Erstaunlicher Weise haben die Männer nichts dagegen. Und so hämmern
sie Tag und Nacht, was den Bau mächtig voranbringt.
Meistens hält sich Hans auf der Baustelle auf und arbeitet selbst tatkräftig
mit. Die wenigen Stunden, die er daheim verbringt, schläft er wie ein Toter.
Aber vor dem Einschlafen denkt er an sein Mädchen, das er noch immer unvermindert
liebt, das er aber schon so lange nicht mehr gesehen hat.
An dem Tag, als der Turm bereits die Höhe des Kirchendachs erreicht hat,
steht Puchsbaum zufrieden hoch oben am Gerüst und betrachtet sein Werk. Unten,
am Fuße des Stephansdoms, sammeln sich die Menschen zur Messe. Eine schlanke
weibliche Gestalt fällt ihm auf.
"Ist sie das?" fragt er sich und sieht genauer hin. "Sie ist es!"
murmelt er überglücklich.
"Maria!" schreit er in unbändiger Freude so laut er kann. "Maria!"
Die Gestalt blickt zu ihm hinauf und winkt.
Das ist das Letzte, was Hans sieht. Das Gerüst schwankt. Unter seinen Füßen
krachen die Bretter. Die Latten bersten. Puchsbaum stürzt in die Tiefe.
Ein Steinmetz meint, Puchsbaum wäre schon viel zu überarbeitet gewesen
und entkräftet abgestürzt. Ein anderer meint, er hätte einfach
das Gleichgewicht verloren. Ein Maurer erzählt später, daß er
einen hinkenden Fremden bei Hans oben am Gerüst gesehen hätte, der ihn
angestupst hat.
Was auch immer den Puchsbaum in die Tiefe stürzen ließ - die Arbeiten
am Nord-Turm wurden sofort eingestellt und das Bauwerk bis heute nicht vollendet.
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