-SAGEN

Schab den Rüssel

Tag für Tag sitzt ein Bettler auf den Stufen der Peterskirche, hadernd mit seinem Schicksal, das ihm so übel mitgespielt hat. Die Freizügigkeit seiner Mitmenschen läßt auch immer mehr zu wünschen übrig. Zu viele seiner Sorte gibt es schon in Wien. Heute ist ein ganz besonders schlechter Tag. Kein einziger Messbesucher hat bislang eine Münze in seinen Hut fallen lassen.

Gerade will er sich aufmachen, um am Stephansdom sein Glück zu versuchen, da winkt ihm ein hinkendes Männlein in grünem Samtgewand und mit blutroter Feder auf dem Hut, ihm zu folgen. Neugierig geht ihm der Bettler nach. Unter einem Torbogen in einer Seitengasse holt er den Hinkenden ein.

"Deine Geschäfte gehen schlecht", stellt das Männlein fest. "Ich will dir etwas geben, was dich aus deinem Dilemma befreit."
Das Männlein zieht eine kleine Raspel aus seinem Gewand hervor und sagt: "Schau genau zu, wie das Wunderding funktioniert!"
Es führt die Raspel über den Mund, spricht: "Schab den Rüssel" und schon fällt ein blinkendes Goldstück zu Boden, das der Bettler hastig aufhebt. Er beißt hinein - tatsächlich! Gold!

"Willst es selbst versuchen?" fragt der Fremde und hält ihm die Raspel hin.
Der Bettler greift zu, probiert's - und schon hört er das Goldstück hell am Pflaster aufschlagen. Zwar brennen ihm die Lippen, doch der Glanz der Münze mach den Schmerz wieder wett.

"Wie lang' geht das?" fragt er.
"So oft du willst", erklärt ihm das Männchen. "Aber das Ding hat noch eine andere gute Eigenschaft. Wenn dir einer nicht paßt, brauchst nur zu sagen: 'Schab den Rüssel' und sofort schabt ihm die Raspel das Gesicht, daß es eine Freude ist. Willst sie haben?"
"Schon", antwortet der Bettler schnell. "Aber was willst du dafür? Ich hab nix, was ich dir geben könnt'."
"Oh doch! Deine Seele! In sieben Jahren komm ich wieder und hol' sie mir!"
Nun ist sich der Bettler sicher, daß er es mit dem Teufel zu tun hat.
"Lieber sieben Jahre in Saus und Braus leben als ein ganzes Leben als armer Hund", überlegt er. "Der Handel gilt!"

Zuerst sucht er einen Schneider auf, der ihm ganz schnell ein neues Gewand machen muß, dann nimmt er sich im besten Gasthof von Wien ein Zimmer. Nachdem er ein ausgiebiges Mahl zu sich genommen hat, zieht er sich zurück und beginnt mit der Arbeit. Goldstück um Goldstück läßt er von seinen Lippen fallen, bis ein großer Haufen vor ihm liegt. Daß jedesmal ein Stückchen Haut von seinen Lippen mitgeht, hat er in seinem Efier gar nicht bemerkt. Jetzt rinnt ihm das Blut übers Kinn und tropft auf sein neues Gewand.

Als er sich am nächsten Morgen im Spiegel erblickt, erschickt er. Ganz verkrustet und eitrig sind seine Lippen! Doch was soll's? Er hat sich viel vorgenommen für die nächsten sieben Jahre. Also setzt er sich hin und raspelt weiter.

Nach einigen Tagen ist er so reich, daß er sich ein schönes Haus kaufen kann, Dienstboten anstellt und sein Leben in vollen Zügen genießt. Oft sitzt er im Kreise lustiger Zechkumpane in den feinsten Wirtshäusern, zeigt sich großzügig und lädt zu somancher Runde ein.

Manchmal erdreistet sich einer und verspottet ihn wegen seinem Rüssel, der sich inzwischen gebildet hat und sein Gesicht stark verunziert. Da holt er die Raspel aus dem Sack, sagt das Zauberwort und schon wird der Spötter mundtot gemacht, was ihm auch von seinen Freunden den Namen "Schabdenrüssel" einbringt.


Aus dem Bettler ist ein vornehmer Herr geworden, der wie kein anderer im Überfluß lebt und der trotz seiner ewig wunden, schmerzenden Luppen mit seinem Leben zufrieden ist. Er merkt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht und ist deshalb recht erstaunt, als eines Abends das kleine Männchen in seinem Wohnzimmer steht, wo er es sich eben mit einem guten Tropfen und feinem Speck gemütlich machen wollte.

"Sieben Jahre sind um!" grinst der Teufel. "Deine Seele gehört mir! Jetzt geht's ab in die Hölle!"
Ui, dazu hat Schabdenrüssel aber gar keine Lust! Schnell zieht er die Raspel aus dem Rock, sagt: "Schabdenrüssel!" und schon fährt sie dem Teufel so fest übers Maul, daß der zum Jammern und Stöhnen anhebt, daß es in den Ohren wehtut. Er hüpft vor Schmerz im Zimmer herum und versucht, sich das peinigende Ding aus dem Gesicht zu reißen. Doch das gelingt ihm nicht - hat er doch vor sieben Jahren vergessen, sich selbst aus dem Fluch auszunehmen!

Lachend sitzt Schabdenrüssel in seinem Lehnstuhl und genießt noch eine Weile das grausige Schauspiel, bevor er dem Teufel ein Angebot macht: "Ich befreie dich von der Raspel, wenn du auf meine Seele verzichtest und sofort in die Hölle fährst!"
"Jaja", schreit der Teufel. "Ich schwör's!"
Worauf ihm der Mann die Raspel aus seinem Gesicht nimmt und der Teufel ganz schnell in einer mächtig stinkenden Schwefelwolke in die Hölle fährt.

Schabdenrüssel lebt noch lange in Reichtum und Glück. Am meisten freut es ihn aber, daß sich der Teufel in seiner eigenen Dummheit um seine Seele gebracht hat.