-SAGEN

Die Speckseite am Roten Turm

Noch heute ist die Rotentumstraße in Wien eine der wichtigsten Durchzugsstraßen. Ihren Namen hat sie von jenem Roten Turm, der einst dort stand und durch dessen Tor man in den Norden der Stadt gelangte.

Der Wiener Humor muß schon damals ein ganz eigener gewesen sein, denn im Gewölbe des Tores war eine zwar aus Holz geschnitzte, doch einer echten aufs Haar gleichende Speckschwarte angebracht, sowie eine Tafel, auf der geschrieben stand:

"Befind't sich irgend hier ein Mann,
der mit der Wahrheit sprechen kann,
daß ihm sein' Heirat nicht tät grauen,
und fürcht sich nicht vor seiner Frauen,
der mag den Backen runterhauen."

Es schien, als fürchteten wirklich alle Wiener und sämtliche Besucher dieser Stadt ihre Frauen, denn die Speckschwarte hing jahrzehntelang dort, ohne daß sie auch nur einer beanspruchte. Deshalb erregte es auch einiges Aufsehen, als sich eine Tages tatsächlich ein Mann bei den Stadtvätern einfand.

"Bei mir daheim bin ich der Herr im Haus", bahuptete er. "Und alles geschieht so, wie ich es will. Meine Frau und mein Gesinde haben gar nichts mitzureden und haben ausschließlich meine Anweisungen zu befolgen. Außerdem", meinte er noch, "macht diese Tafel doch alle Männer zum Gespött."

Die Stadträte stimmten ihm zu, hatten nichts dagegen, daß sich der wackere Mann die Schwarte holte und veranlaßten - natürlich mit großer Ankündigung - das Spektakel.

Als es soweit war, wurde die lange Leiter aufgestellt. Stolz und selbsticher kletterte unter dem Jubel der Menge der Hausherr hinauf, besah sich das gute Stück - und kletterte wieder runter, ohne es entfernt zu haben.

"Warum habt Ihr die Schwarte denn nicht mitgebracht?" fragte ihn einer der Stadtväter.

"Die is jo ganz dreckig", rief er. "Die muß zuerst wer putzen! Ich hab heut mein' besten Rock an, und wenn ich den dreckig mach, dann schimpft mein Weibi wieder mit mir."

Einen Augenblick lang hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können, dann brach die Menge in schallendes Gelächter aus. Der "Held" des Tages verschwand wortlos und mit hochrotem Kopf vom Platz.

Die Speckschwrte blieb noch lange hängen. Keiner beanspruchte sie mehr. Erst als der Rote Turm abgerissen wurde, verschwand sie auch - zur Freude aller Ehemänner - aus dem Wiener Stadtbild.