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Der
Stock im Eisen
Leicht hat es ein Lehrbub im alten Wien
nicht, schon gar nicht der Martin Mux, der Schlosser werden will und vom strengen
Meister mit der großen Karre losgeschickt wird, um Lehm zu holen. In der
Lehmgrube, weit draußen vor den Stadttoren, angekommen, muß er erst
einmal ausruhen, die Sonne genießen und den Vögeln zuhören. Dann
stößt eine Schar Gleichaltriger zu ihm, die ihn einladen, mit ihnen
zu spielen. Sein Auftrag ist vergessen. Martin läßt sich nicht zweimal
auffordern.
Die Zeit vergeht so schnell. Keiner merkt, daß es bereits dämmert.
Erst die Glocke des Stadttores läßt die fröhliche Kinderschar
aufschrecken. Die anderen laufen nach Hause. Martin bleibt zurück.
Schnell lädt er ein paar Brocken Lehm in den Karren und zieht ihn zur Stadtmauer,
hinter der bereits vor geraumer Zeit blutrot die Sonne versunken ist.
Zu spät! Die Tore sind geschlossen und Martin hat keinen Sperrkreuzer bei
sich. Da hilft kein Bitten und kein Weinen. Der Torwächter läßt
sich nicht erweichen.
"Vielleicht kann ich dir helfen", hört der Lehrbub eine Stimme
hinter sich. Neben seinem Karren steht ein Fremder ... ein seltsames Männchen
mit schrlachrotem Rock und ebensolchem Umhang und Barett. Martin ist mißtrauisch.
Zu oft hat er gehört, wie man sich vom Teufel erzählte, der Menschen
in Not beisteht, dafür aber ihre Seele haben will.
"So schlecht bin ich nicht", sagt der Rote leise, als könnte er
Gedanken lesen. "Ich schenk dir den Kreuzer und dazu fülle ich dir den
Karren mit Lehm an. Außerdem mach ich dich zum besten Schlosser, den die
Welt je gesehen hat - - - wenn du niemals die Sonntagsmesse versäumst."
Der Handel scheint dem Martin fair und wird mit 3 seiner Blutstropfen besiegelt.
Als er in die Werkstatt kommt, ist sein Meister sehr zufrieden und spendet ihm
als Anerkennung ein ausgiebiges Nachtmahl.
Am nächsten Tag steht plötzlich das rote Männchen in der Werkstattt.
Martin erschrickt. Doch der Fremde will nichts von ihm, sondern bestellt für
die alte Eiche eine Spange mit einem Schloß, das keine Menschenhand öffnen
kann - wobei er ihm heimlich zuzwinkert.
Weder der Meister noch die Gesellen wagen sich über einen so heiklen Auftrag.
"Ich versuch's!" ruft Martin übermütig. Hatte ihm der Rote
doch versprochen, ihn zum besten Schlosser der Welt zu machen. Der Meister erlaubt
es.
Wie von selbst bewegen sich Hände und Werkzeug. In kurzer Zeit sind Spange
und Schloß vollendet. Wie ein Lauffeuer hat sich die Botschaft vom seltsamen
Auftrag des Fremden und dessen kunstvolle Ausfertigung durch einen Lehrbuben in
der ganzen Stadt verbreitet. So ist es nicht verwunderlich, daß sich bereits
der Stadtrat, die Ältesten und die Vorsitzenden der Schlosserzunft sowie
viel Volk bei der alten Eiche eingefunden haben, als Martin die Schnalle mit den
unaufsperrbaren Schloß um den Baumstamm legt. Der Reihe nach versuchen sie
mit allem Möglichen, das Schloß zu öffnen, doch keinem gelingt
es. Der Rote ist zufrieden, zahlt, übernimmt den Schlüssel und verschwindet.
Martin wird auf der Stelle zum Gesellen gemacht und mit Lob überschüttet.
Nach altem Handwerksbrauch geht er auf Wanderschaft. Über Linz, Passau und
Regensburg gelangt er nach Nürnberg, wo er so meisterlich und schnell Fenstergitter
herstellt, daß es seinem Meister unheimlich wird und er ihn entläßt.
Martin begibt sich zurück nach Wien. Er hört, daß die Stadtväter
nach einem Schlosser suchen, der den passenden Schlüssel zu dem Schloß
an der Eiche am Graben anfertigen könne. Als Belohnung winkt das Meister-
und Bürgerrecht.
"Nichts leichter als das", murmelt Martin und begibt sich zu seinem
alten Meister, der ihm gerne erlaubt, die Werkstatt für eine kurze Arbeit
zu benutzen.
Das rote Männchen, das all die Jahre vergeblich auf einen sonntäglichen
Fehltritt des Schlosergesellen gewartet hat und nur zusehen durfte, wie es ihm
mit seiner Hilfe besser und besser ging, wird es nun zuviel. Mit unsichtbarer
Hand verdreht es ihm, als er das Werkstück ins Feuer hält, den Schlüsselbart.
Martin bemerkt es und vermutet richtig, wer da die Finger mit im Spiel hat. Also
nimmt er den Bart ab, setzt ihn verkehrt auf und hält ihn ins Feuer, wo ihn
das Männchen abermals umdreht, sodaß er nun richtig aus der Esse kommt.
Martin begibt sich zur Eiche und öffnet vor den Augen der Stdtväter
das Schloß, erhält dafür Meister- und Bürgerrecht und wirft
vor Freude darüber den Schlüssel in die Luft. Doch zum Schreck aller
fällt er nicht auf die Erde zurück.
Obwohl man murmelt, daß beim Meister Martin was mit dem Teufel zugeht, ist
er dank seiner ausgezeichneten Arbeiten und seiner Frömmigkeit bald überall
im Land bekannt und beliebt. Viele Jahre lebt er glücklich in Reichtum und
Ansehen und vergißt nie, die Messe zu besuchen.
Niemand weiß genau, wie es an diesem unseligen Sonntag passiert. Hat das
geruhsame Leben ihn nachlässig werden lassen? Hat ihm der Wein im Gasthaus
"Zum steinernen Kleeblatt" die Sinne verwirrt? Ist es das Würfelspiel,
das ihn sosehr ablenkt oder die Geschichten jenes Gesellen, der mit am Tisch sitzt
und von all den Städten erzählt, die Martin einst bereist hat?
Plötzlich
schlägt es halb 12. Martin stürzt schreckensbleich die Stiegen hinauf
und läuft zur Kirche. Auf dem Stephansfriedhof sieht er keine Menschen, nur
ein altes Weiblein, das an einem Grabstein lehnt.
"Ist die Messe schon zu Ende?" keucht Martin.
"Die ist schon lange aus", krächzt die Alte. Ihr scharlachrotes
Kopftuch hätte ihn eigentlich mißtrauisch machen müssen.
Doch Martin ist so aus dem Häuschen, daß er kopflos in den Weinkeller
zurückläuft. Dort reißt er sich die silbernen Knöpfe vom
Wams und schenkt sie seinen Freunden als warnendes Andenken.
In diesem Augenblick läutet es 12. Kaum ist der letzte Schlag verklungen,
steht das rote Männlein an der Türe und grinst.
Martin läuft los, versucht verzweifelt, die Kirche zu erreichen. Das Männchen
folgt ihm, wobei es größer und größer wird. Am Stephansfriedhof
angekommen, steht eine riesige rote Gestalt hinter dem betrogenen Schlossermeister.
Plötzlich wachsen ihr Hörner und ihre Hände verwandeln sich in
furchtbare Klauen. Die Gestalt packt Martin und entschwindet mit ihm in die Lüfte.
Zum Andenken an das unglückliche Ende des braven Martins schlug fortan jeder
Schlossergeselle, der nach Wien kam, einen Nagel in den Baumstamm. Heute befindet
er sich an der Ecke eines Hauses (Stephansplatz/Kärntnerstraße) und
die letzten, die dort einen Nagel hineinklopften, waren die U-Bahn-Bauarbeiter.
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