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Stoß
in Himmel
Einst lebte in Wien eine hochmütige
Edeldame, deren ganzes Tagwerk darin bestand, in prunkvollen Gewändern durch
die Stadt zu flanieren und ihren Luxus zur Schau zu stellen. Bei Schlechtwetter
verbrachte sie den ganzen Tag vor dem Spiegel oder ließ sich die schönsten
und teuersten Stoffe zeigen, um die edelsten auszuwählen und sich Kleider
nach der neuesten Mode anfertigen zu lassen. Auch Sonntags interessierte sie nur
Putz und Glanz. Den Gottesdienst hatte sie schon lange nicht mehr besucht.
Als sie an einer Marien-Statue vorbeikam, spöttelte sie zu der Gottesmutter:
"Schau dich an, wie ärmlich du dastehst. Vor dir knien die Leute nieder?
Vor mir sollten sie das tun - aus Ehrfurcht vor meiner Schönheit!"
Die Umstehenden empörten ihre Worte, doch keiner aus dem einfachen Volk traute
sich etwas gegen die Gräfin zu sagen.
Gegen Mitternacht klopfte eine alte Bettlerin an der Haustüre der Dame. Erzürnt
befahl diese, die Frau zu verjagen. Irgendwie schlüpfte die Alte an der Dienerschaft
vorbei und stand plötzlich im Schlafzimmer der Edeldame.
"Du eingebildetes Luder", fauchte die Alte los. "Wenn ich mir die
Lumpen in deinem Schrank anschaue, kommt mir das Grausen. Ich hab' da ein Kleid,
das tausendmal schöner ist als das schönste, das du je gesehen hast."
"Du wagst es, so mit mir zu reden?" empörte sich die Dame. "Scher
dich fort!"
Da griff die Alte in ihren Korb und zupfte ein Stück Stoff heraus, glitzernd
und funkelnd, und so exzellent bestickt, daß die Gräfin staunend näherkam.
"Laß mich mehr sehen", bettelte sie ganz freundlich. "Na
komm schon! Zeig' her!"
Da zog die Bettlerin ein Prunkgewand hervor, aus feinsten Spitzen zusammengesetzt,
über und über mit Goldfäden bestickt und mit Edelsteinen besetzt,
daß die Gräfin bleich wurde und ihr der Atem stockte. Dann entnahm
die Alte dem Korb auch noch einen Schleier, in den die Sterne des Nachthimmels
eingewebt schienen, dazu passende Handschuhe und Schuhe.
Als die Gräfin all das sah, beschwor sie die Alte, ihr die Sachen zu überlassen,
ganz gleich, was es koste.
"Du hast doch dein ganzes Geld bereits ausgegeben", erinnerte sie die
Frau.
"Ich muß dieses Kleid einfach haben - und wenn ich alles andere dafür
verkaufe."
"Ich mach' dir einen Vorschlag: drei Tage und drei Nächte leihe ich
dir das Gewand. Du gibst mir als Lohn dafür, was in der dritten Mitternacht
von dem Kleid bedeckt ist."
"Jaja!" schrie die Dame ohne nachzudenken. "Gib her! Ich probiere
es gleich an!"
Die Bettlerin hatte sie bereits vergessen.
Drei Tage und drei Nächte war sie in Wien unterwegs, erschien auf jedem Fest,
in jeder feinen Lokalität, auf jedem Platz, wo sich viele Menschen aufhielten
- immer nur so lange, bis alle ihr prunkvolles Kleid gesehen und bewundert hatten.
Todmüde kam sie am Abend des dritten Tages nach Hause. Bald würde die
Alte das Kleid wieder abholen und ihren Lohn dazu. Erst jetzt begann sie nachzudenken,
was wohl mit den Worten "Und du gibst als Lohn, was mit dem Kleid bedeckt
ist" gemeint sein könnte. Irgendwas ging da nicht mit rechten Dingen
zu.
Schlagartig wurde es ihr klar.
"Das bin ich ja selbst! Mich bedeckt das Kleid!"
Schnell wollte sie es ausziehen, doch es rührte sich nicht, als wäre
es an ihrem Körper festgeklebt. Dann versuchte sie, es in Fetzen zu reißen,
doch das Gewebe war unzerstörbar.
Da hörte sie, wie die Turmuhr Mitternacht schlug. Beim 12. Schlag stand plötzlich
die Alte vor ihr.
"Nun, was ist es, was das Kleid bedeckt?" fragte sie. "Oh, du bist
es! Dann bist du mein - wie du es versprochen hast."
Ein roter Feuerblitz fuhr durch's Gemach der Gräfin. An der Stelle der Alten
stand der Leibhaftige und streckte gierig seine Klauen nach der Gräfin aus.
Schon berührten sie seine Krallen, da gab es ihr einen heftigen Stoß,
daß sie nach oben fuhr. Das Kleid blieb in den Klauen des Satans zurück.
Die Dame entschwebte, in eine weiße Lichtwolke gehüllt, in den Himmel.
Zwar war ihr Tod nicht mehr zu verhindern gewesen, doch die Kraft eines Madonnen-Medaillons,
das sie unter dem teuflischen Kleid getragen hatte, sowie ihre heftige Reue, die
in letzter Minute tief aus ihrem Herzen kam, hatten ihr den "Stoß in
Himmel" versetzt.
Fast
könnte man glauben, die Straßentafel im 1. Bezirk hat etwas mit dieser
Sage zu tun. Tatsächlich ist das Gasserl nach einer altansässigen Wiener
Bürgerfamilie benannt: Hans Stoßanhimls (gest. 1529), die letzte Namensträgerinnen
waren Margarete Stoßimhimlin (gest. 1770) und Marianne Stoßinhimlin
(gest. 1797).
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