|
Der
Teufel an der Wand,
Das Haus zum roten Mandl oder
Dr. Faust in Wien
In einem Wirtshaus hinter dem Schottenstift ging es immer hoch her. Der Wirt nahm
es, ganz besonders dann, wenn sich wieder viele seiner Stammgäste eingefunden
hatten, mit der Sperrstunde nicht so genau. Eines Abends, es war wieder brechend
voll und auch der lustige Kupferstecher Augustin Hirschvogel war zugegen, betrat
ein Fremder die Gaststube. Er zog sofort alle Blicke auf sich. Hochgewachsen,
mit Zwirbelbart, trug er einen breitrandigen Hut mit schwarzem Federbusch und
einen weiten, schwarzen Samtumhang. Das Auffallendste an ihm waren jedoch seine
stechenden, dunklen Augen, deren Blick den Anwesenden durch Mark und Bein ging.
Schon wollte der Wirt den Mann nach dessen Begehr fragen, da rief der Hirschvogel:
"Willkommen in Wien, Doktor Faustus! Nehmt Platz und erzählt, was Euch
hierher führt!"
Doktor Faustus? Mancheinem lief es bei diesem Namen kalt über den Rücken
und die Anwesenden wurden neugierig, was denn dieser berühmte Magier, Schwarzkünstler
und Hexenmeister in Wien vorhatte.
"Ich danke Euch", antwortete Faust. "Zuerst aber laßt uns
anstoßen!"
Er setzte einen Krug an die Lippen und leerte ihn auf einen Zug. Die Gäste
und der Wirt waren sprachlos. So einen tüchtigen Trinker hatten sie noch
nie gesehen. Anerkennend applaudierten sie. Dr. Faust aber rief: "Was für
winzige Krüge! Noch einen! Ich verdurste!"
Der Schankbursch beeilte sich, das Gewünschte heranzuschaffen. Er hatte in
der Eile jedoch ein bißchen zu viel eingeschenkt und verschüttete einige
Tropfen, als er den Krug auf den Tisch stellte.
"Paß doch auf!" schimpfte ihn der Magier. "Der gute Wein!
Wenn du noch einmal etwas verschüttest, freß ich dich!"
Die Gäste lachten. Der Bursche war verärgert.
"Möcht wissen, wie er das machen will", murmelte er zu sich selbst.
"Ist doch alles nur Schwindel! Geht ja gar nicht, einen ausgewachsenen Menschen
auffressen!"
Bald rief Dr. Faust abermals nach einem Krug Wein. Der Bursche wollte es ganz
genau wissen und stellte den vollen Humpen absichtlich so heftig auf den Tisch,
daß er überschwappte.
"Ich habe dich doch gewarnt. Weil du so ungeschickt bist, fresse ich dich
jetzt!" funktelte ihn Faust an.
"Dann tut es doch!" rief der Brusche keck.
Da öffnete der Hexenmeister den Mund - und der Schankbub war verschwunden.
Den Zechern wurde unbehaglich zumute. Sie verstanden die Welt nicht mehr. Fassungslos
blickten sie einander an.
Faust trank den Krug, den der Bursche gebracht hatte, und brach in heftiges Gelächter
aus.
"Bringt mir was zu trinken!" forderte er. "So ein trockener Happen
muß anständig angefeuchtet werden!"
Der Wirt stand wie gelähmt da und zitterte. Er war nicht imstande, den Wunsch
seines unheimlichen Gastes nachzukommen. Da langte sich Faust einen Eimer voll
Wasser, setzte ihn an den Mund und leerte ihn so rasch, als wäre es nur ein
Becher.
Langsam kam wieder Leben in den Wirt.
"Euer Graden!" rief er händeringend. "Schafft mir den Burschen
wieder herbei! Er ist mein Neffe! Wie soll ich meinem Bruder jemals wieder unter
die Augen treten können, wenn sein Sohn in meiner Obhut verschwunden ist?"
"Schau hinaus in den Hof", befahl ihm der Hexenmeister und wandte sich
ab, als wäre nichts geschehen.
Mit zitternden Händen öffnete der Wirt die Tür zum Hof. Da stand
der Bub, klatschnaß und käsebleich. Wütend wankte er in die Gaststube.
"Mit euch möcht ich nix mehr zu tun haben, Faust!" schrie er. "Ihr
seid mit dem Teufel im Bunde!"
"Red nicht über Sachen, von denen du nichts verstehst", antwortete
ihm dieser gelassen. "Lern lieber Wein zu servieren, ohne ihn zu verschütten."
Die Menge johlte über den gelungenen Scherz und die gute Darbeitung des Zauberkunststücks,
obwohl manchen nicht ganz wohl bei der Sache war. Hirschvogel, der Kupferstecher,
gehörte nicht zu den Schreckhaften. Er forderte den Meister auf, ein weiteres
vorzuführen. Doch dieser wehrte ab.
"Genug für heute", meinte er. "Jetzt seid ihr dran, Hirschvogel!"
"Nun gut", rief dieser und hob seinen Becher. "Auf den Teufel!
Ihr werdet ihn gleich sehen!"
Er griff in die Tasche und holte ein paar bunte Malkreiden heraus. Im flackernden
Kerzenschein begann er, den Teufel an die Wand zu malen. Eine boshaft grinsende
Fratze mit einem kecken Hütchen auf dem Kopf, dann kam noch ein Körper
dazu, Arme, Beine und ein Mantel, wie vom Wind gebauscht. Die wilden Zecher waren
begeistert.
"Nicht schlecht", lobte ihn Faust. "Aber was ist schon ein Teufel
an der Wand? Ich werde ihn zum Leben erwecken!"
Der Hexenmeister blies die Kerzen aus. Das einzige Licht kam vom Kachelofen her,
in dem das Feuer loderte.
Plötzlich begann sich die Teufelsgestalt an der Wand zu regen. In blutigemRrot
begannen Wams und Mantel zu leuchten. Die Fratze verzog sich zu einem Grinsen.
Die Füße in den roten Stiefeln traten aus der Wand. Auf einmal sprang
die Gestalt mit grausigem Kichern mitten unter die Zecher.
Ein Aufschrei ging durch die Wirtsstube. Die Gäste ergriffen in Panik die
Flucht. Becher und Krüge fielen splitternd zu Boden, Sessel wurden umgeschmissen.
Alles drängte zum Ausgang, flüchtete ins Freie und rannte wie gehetzt
hinaus in die Nacht.
Der Vorfall sprach sich rasch in der Stadt herum. Viele Neugierige kamen und ließen
sich die Geschichte vom Wirt erzählen, der dies gerne tat. Und jedesmal sagte
er abschließend: "Jaja, man soll halt nicht den Teufel an die Wand
malen!"
Die vielen neuen Gäste belebten sein Geschäft. Und damit die Leute sein
Wirtshaus auch sicher finden würden, ließ sich der Wirt vom Hirschenvogel
ein Schild mit dem roten Teufel drauf malen und nannte sein Lokal fortan "Zum
roten Mandl".
Doktor Faustus hatte inzwischen Wien verlassen und in eine andere Stadt gereist.
|