-SAGEN

Die Teufelsmühle am Wienerberg

Nicht umsonst hatte Wien seine Stadtmauern, deren Tore allabendlich fest verschlossen wurden, denn die Straßen waren unsicher zu jenen Zeiten und Reisende schnell ausgeraubt und ermordet.

Der brave Müller auf dem Wienerberg an der Straße nach Wiener Neustadt hatte es nicht leicht. Aber er blieb redlich und meisterte sein Leben so gut es eben ging. Dann wurde er krank und starb. Seine Frau verkaufte die Mühle an den Ritter Kilian von Drachenfels.

Der war das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Die Mühle betrieb er nur zum Schein. Er beherbergte Kaufleute, Fuhrwerker und Boten. Gemeinsam mit seinen Kumpanen raubte er sie in der Nacht aus, ermordete sie und ließ die Leichen verschwinden. Er und seine Freunde führten ein lasterhaftes, liederliches, aber sorgloses Leben.

Das einzige, was dem Ritter auf den Nerv ging, war seine Frau - ein herzensgutes Wesen. Immer wieder bat sie ihn, sein sündhaftes Treiben aufzugeben und flehte ihn an, das Rauben und Morden sein zu lassen.

Der Tag mußte kommen. Kilian reichte es. Zornig packte er seine Frau, trug sie zum Brunnen und warf sie hinein. Im selben Augenblick öffnete sich ein Spalt in der Erde, ein mächtiger Sturm erhob sich und blies den Kilian samt seinen Spießgesellen hinein.

Von da an verfiel die Mühle. Niemand wollte sie, denn um Mitternacht - so hieß es - geisterten der Kilian und sein Gefolge durch das Haus und stöhnten und klagten, bis die Uhr eins schlägt.

Jahre später zog auf der Straße Günther von Schwarzenau, ein junger Ritter, mit seinem Knappen Wien entgegen. Ein heftiges Gewitter brach nieder und der Sturm tobte heftig. Sie waren froh, als sie die Mühle entdeckten. Zwar war in dem verfallenen Bau kein Komfort zu erwarten, jedoch ein trockenes Eck, in dem sich die beiden an an einem kleinen Lagerfeuer aufwärmen konnten.

Um Mitternacht hub ein schauriges Gejammer und Gestöhne an, das den Ritter sofort zu seinem Schwert greifen ließ. Doch da war keine Schlacht zu schlagen. Seltsam bleiche Gestalten traten durch die Wände. Sie schleppten laut klagend große, schwere Säcke, hin und her, ganz plan- und ziellos.

Eine Weile schaute der Ritter zu und wagte nicht, sich zu rühren. Doch dann faßte er sich ein Herz und sagte: "Ihr Unseligen! Wie kann ich euch erlösen, damit ihr Ruhe findet?"
"Ich bin im Brunnen", antwortete eine sanfte Frauenstimme. "Dort lieg ich nun schon lange Zeit. Hol mich heraus und begrabe mich in geweihter Erde. Dann werde ich Ruhe finden und ebenso mein Mann und seine Freunde."
"Mit Gottes Hilfe wird's gelingen!" versprach der Ritter.
Da war der Spuk vorbei.

Den Rest der Nacht blieb es still in der Mühle. Günther hatte Zeit, über sein eigenes trauriges Schicksal nachzugrübeln. Sein reicher Nachbar versagte ihm die Hand seiner Tochter, die er liebte, denn er war ein armer Ritter. Auch an Heldentaten fehlte es ihm. Deshalb hatte er seine Heimat verlassen, um mit Ruhm und Gold zurückzukehren und endlich würdig als Schwiegersohn zu sein.

Gleich nach Sonnenaufgang stieg er in den Brunnen hinab, fand tatsächlich die Gebeine der Frau, schaffte sie zum Friedhof des nächsten Ortes und ließ sie vom Pfarrer begraben. Kaum war die Zeremonie vorbei, hörten sie abermals die Stimme der Frau: "Nun haben wir alle Frieden gefunden. Wir danken dir. Kehre nun in dein Schloß zurück."

So ganz recht war es Günther nicht, nach Hause zu reiten. Diese Geschichte würde den reichen Nachbarn nicht beeindrucken - und arm war er noch genauso wie bei seiner Abreise. Aber er folgte der Frau.

In seinem Schloß angekommen, fand er auf dem Tisch im Saal einen riesigen Gold- und Juwelenschatz, welcher ausreichte, um standesgemäß um die Hand der Geliebten anzuhalten.

In der Mühle war fortan Ruhe. An die Stelle wurde später ein großes Gasthaus gebaut. Die Menschen nannten es "Gasthaus zur Teufelsmühle".