-SAGEN

Dämon Wind

Als die Wäsche noch im Wien-Fluß gewaschen wird und der Beruf der Wäscherin ein weit verbreiteter ist, begibt es sich, daß ganz plötzlich ein furchtbarer Sturm aufkommt. Den ganzen Fluß entlang hängt die frisch gewaschene Wäsche an den Stricken, an der der Wind zerrt, daß man fürchten muß, gleich fliegt sie davon.

Schon die Großmutter der Gretl, eine Wäscherin in den besten Jahren, hatte diesen Beruf ausgeübt, ebenso ihre Mutter. Von ihnen weiß die Gretl, daß man dem Wind etwas zu essen geben muß, um ihn zu beruhigen. Als sie sieht, wie sich die Wäsche im Wind bläht, schneidet sie sofort ein anständiges Stück Brot ab und stellt es hinaus in den Hof.

Eine Nachbarin, ebenfalls Wäscherin, kommt gerade heim und bemerkt das Treiben der Gretl, das sie nicht zum erstenmal beobachtet.
"Stellst schon wieder dein sauer verdientes Brot raus", schimpft sie. "Stopf damit lieber die Mäuler deiner G'schrappen*. So vertreibst keinen Wind. Da kommen grad die Ratten und 's Ungeziefer. Schau her!" Sie wirft ihr Wäscheholz in die Luft. "Damit verhau' ich ihn, den Wind! Das nützt mehr!"
"Mach dich nicht unglücklich!" ruft ihr die Gretl zu. "Und nimm dich in acht. Der Wind wird sich an dir rächen!"
"Abergläubische Gans", murmelt die Nachbarin, geht in ihr Haus und wirft die Türe zu.

Kaum hat sie die Kerze angezündet, reißt ein gewaltiger Windstoß die Tür auf und ein großer Mann mit langem, grauen Bart und langen, wehenden Haaren betritt die Stube. Er ist mit einem dicken Mantel bekleidet. Grimmig blicken seine stechenden Augen.
'Das ist der leibhaftige Wind', denkt sie sich. 'Die Gretl hat doch recht g'habt!'

Die Frau glaubt fest, nun habe ihr letztes Stündlein geschlagen. Sie überlegt fieberhaft, was ihr das Leben retten könnte.
"Nehmen's doch Platz, gnä' Herr", stammelt sie, um Zeit zu gewinnen. "Ein Glaserl Wasser gefällig - oder vielleicht an Wein? Ich hab' da no a Lackerl Gumpoldskirchner, der is guat!"
Wieder etwas gefaßter schenkt sie dem Fremden, der tatsächlich Platz genommen hat, den letzten Rest ihres Lieblingsweines ein und stellt es vor ihm auf den Tisch.
"A bisserl an Speck hab i a no", sagt sie, als sie sieht, daß der Mann den Wein in einem Zug in sich hineinschüttet. "Dazu a Brot, ganz frisch aus der Backstub'n."
Sie beeilt sich, ihm auch noch Speck und Gebäck hinzustellen. Wortlos greift der Bärtige zu und ißt so lange, bis nichts mehr am Teller ist.

"Ich bin gekommen, um deine frevlerische Tat zu rächen", sagt er plötzlich mit lauter, durchdringender Stimme.
"Na, bitte ned!" stammelt die Frau leichenblaß.
"Ich wollte dich mitnehmen und dich hoch in der Luft in tausend kleine Stücke zerreißen!"
"Herrgot, Maria! Bitte helft's ma!"
"Aber ich sehe, dein Sinn hat sich gewandelt. Ich will davon absehen. Hüte dich aber, moch noch einmal zu beleidigen oder nach mir zu werfen. Ich bin der Wind, der Herrscher der Lüfte."
Mit diesen Worten verläßt der Bärtige die Wäscherin, die froh ist, daß der Spuk vorbei ist und sie so glimpflich davonkommt.

Am nächsten Morgen fährt ihr jedoch der Schreck in die Glieder. Alle ihre Wäscheleinen sind leer, die Stricke zerfetzt, während die der Gretl allesamt intakt und die Wäsche unberührt ist. Dämon Wind hat sie also doch noch bestraft. Es ist ein schweres Stück, ihrer Herrschaft zu erklären, wie die Wäsche verschwunden ist.

Von da an stellt die Wäscherin, wenn sie nur das geringste Aufkommen von Wind verspürt, sofort Speis und Trank vor die Türe, um Dämon Wind zu besänftigen.