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Die
schwarze Wolke
In jener Zeit, als im 8. Bezirk, Josephstadt,
noch kein Häusermeer stand, sondern sich Felder ausdehnten, soweit das Auge
reichte, gab es einen reichen Grundbesitzer, für den alle Bauern in der Umgebung
arbeiten mußten. Der Graf war ein Geizkragen und Leuteschinder, der nur
den eigenen Geldbeutel im Sinn hatte.
Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Es war ein gutes Jahr gewesen. Unwetter und
Hagelschäden hatten das Land verschont. Jetzt befanden sich die Menschen
auf den Feldern, um die Ernte einzubringen.
Da kam in gestrecktem Galopp ein Reiter den Weg entlang und hielt bei einem Bauern
an. "Rettet euch!" schrie er. "Die Heuschrecken kommen! Sie sind
schon in Mödling!"
Kaum hatte der Mann seine Botschaft verkündet, jagte er weiter. Es gab noch
mehr Feldarbeiter, die er warnen wollte.
Erschrocken blickten die Bauern in die Richtung, aus der der Bote gekommen war.
Tatsächlich! Eine merkwürdige, dunkle Wolke zog von Südosten her
langsam näher.
"Lauft!" riefen sie. "Sie kommen!"
Nun zögerten sie keinen Augenblick mehr. Sie rannten, was ihre Beine hergaben.
In ihren Häusern verschlossen sie Türen und Fenster und verstopften
die Ritzen so gut es ging.
Einer der Bauern machte sich auf zum Gutshof, um den Grafen zu warnen. Dieser
jedoch bekam einen Wutanfall, als er erfuhr, daß die Bauern ihre Arbeit
liegengelassen hatten. Er drohte, sofort ihren Lohn zu kürzen und alle Vergünstigungen
- von denen es ohnehin schon wenig genug gab - zu streichen, wenn sie nicht sofort
wieder auf die Felder gingen!
In seinem Zorn jagte er den Bauern aus seinem Haus und rief nach seinem Pferd
und seiner Hundemeute, denn er wollte das faule Pack eigenhändig mit der
Peitsche auf die Felder treiben. Als er die ersten Äcker hinter sich gebracht
hatte, mußte er sich eingestehen, daß er die Gefahr völlig unterschätzt
hatte. Tausende der gefäßigen Insekten hatte sich über das Korn
hergemacht und alles ratzeputz kahlgefressen. In der Luft schwirrte und summte
es. Immer neue Schwärme verdunkelten den Himmel.
Noch größer wurde seine Wut, als seine Hunde jaulend das Weite suchten,
um sich vor der Gefahr in Sicherheit zu bringen. Er zog seinen Säbel und
stürmte in die Wolke hinein. Wie von Sinnen schlug er um sich, als wollte
er jedes Insekt einzeln in Stücke hacken.
Plötzlich scheute sein Pferd, wieherte nervös mit verdrehten Augen und
bäumte sich auf. Der Graf verlor den Halt im Sattel und stürzte zu Boden.
Als nach und nach die Hunde im Gutshof eintrafen, ahnte man, daß etwas Schlimmes
passiert sein mußte.
Am nächsten Tag wagten sich die Bauern wieder auf die Felder. Die Landschaft
war nicht mehr wiederzuerkennen. Alles war kahl gefressen. Die Ernte eines ganzen
Jahres war in den Mägen der Heuschrecken verschwunden.
Irgendwann entdeckte einer das Pferd des Gutsherrn. Ein paar Schritte weiter fand
man ihn selbst, grausig zugerichtet. Er hatte seinen Geiz und seine Hartherzigkeit
mit dem Leben bezahlt.
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